// presswerke vol. (2)88 – „dreamer+“

mit der neuen Vinyl-LP von Sassy 009. // Dreamer+ ist weniger ein Album als ein bewusst gebauter Innenraum – ein Werk, das sich nicht nebenbei erschließt, sondern Aufmerksamkeit verlangt. Hinter dem Projekt Sassy 009 steht Sunniva Lindgård, eine Künstlerin, die sich seit Jahren konsequent der Idee verweigert, Pop müsse leicht konsumierbar sein. In ihrer Musik […]

mit der neuen Vinyl-LP von Sassy 009.

// Dreamer+ ist weniger ein Album als ein bewusst gebauter Innenraum – ein Werk, das sich nicht nebenbei erschließt, sondern Aufmerksamkeit verlangt. Hinter dem Projekt Sassy 009 steht Sunniva Lindgård, eine Künstlerin, die sich seit Jahren konsequent der Idee verweigert, Pop müsse leicht konsumierbar sein. In ihrer Musik ging es immer um Übergänge, um Zustände zwischen Nähe und Entfremdung, Kontrolle und Auflösung. Mit diesem Album treibt sie diese Suche auf die Spitze. Entstanden über einen Zeitraum von fast vier Jahren, trägt Dreamer+ deutlich die Spuren einer langen, tastenden Entwicklung. Es ist kein spontanes Statement, sondern ein Werk, das Schicht für Schicht gewachsen ist – mit Phasen des Zweifelns, Neuansetzens und bewussten Verwerfens. Lindgård übernimmt hier sichtbar die vollständige künstlerische Kontrolle: Klang, Erzählung, Ästhetik und Haltung greifen ineinander. Das Album wirkt dadurch geschlossen und gerade deshalb so eindringlich. Musikalisch bewegt sich Dreamer+ durch ein bewusst unscharfes Terrain.

Verzerrte Vocals stehen neben grungiger Rohheit, Shoegaze-Flächen treffen auf beatlastige, an die Neunziger erinnernde Elektronik, während Hyperpop-Elemente wie flüchtige Lichtreflexe durch die Stücke ziehen. Nichts davon dominiert dauerhaft. Die Sounds erscheinen und verschwinden, kippen ineinander, verlieren sich. Diese Instabilität ist kein Mangel, sondern Konzept: Das Album klingt, als würde es sich ständig neu erfinden und gleichzeitig selbst untergraben. Trotz prominenter Gastbeiträge – Blood Orange, BEA1991 und Yunè Pinku – bleibt das Werk klar Lindgårds Werk. Die Features wirken nicht wie Unterbrechungen, sondern wie Spiegelungen derselben inneren Landschaft. Sie erweitern das Album, ohne ihm die Richtung zu nehmen. Immer wieder steht die Stimme im Zentrum: verfremdet, vervielfältigt, manchmal fast aufgelöst. Inhaltlich ist Dreamer+ als Märchen angelegt, aber eines ohne tröstende Moral. Die Geschichte von Gestaltwandlern, dunklen Kräften und einer verlassenen Stadt ist weniger Fantasy als psychologischer Rundumschlag. Die Protagonistin wird zur eigenen Hauptfigur, hineingeworfen in eine traumähnliche Welt, in der Liebe, Schuld und Begehren untrennbar miteinander verwoben sind. Besonders die Beziehung zu Jakov – absurd eng mit seinem Sterben verbunden – bildet einen dunklen Kern des Albums. Es gibt kein Entkommen, keine klare Trennung zwischen Bindung und Verlust. Träume erscheinen nicht als Flucht, sondern als faszinierender Raum, in dem Verantwortung und Wunsch kollidieren. Das Träumen selbst wird dabei ambivalent: Es sorgt für Erkenntnis, aber auch zunehmend für Verstrickung. Dreamer+ fragt nicht, wie man sich rettet, sondern was man bereit ist zu verlieren, um überhaupt fühlen zu können. Am Ende steht Dreamer+ als ein Werk, das sich dem schnellen Zugriff entzieht. Es ist düster, kontrolliert, emotional aufgeladen und gleichzeitig seltsam entrückt. Sunniva Lindgård gelingt hier etwas Seltenes: ein Popalbum, das nicht gefallen will, sondern bestehen – und wir sind begeistert.