mit dem Werk „Im Paradies“ von Dorota Maslowska.

// Dorota Masłowska gehört seit vielen Jahren zu jenen Autorinnen, die Gegenwart nicht abbilden, sondern zerlegen. Mit Im Paradies legt sie ein schmales, aber hochverdichtetes Buch vor, das wie ein Brennglas funktioniert: grell, komisch, verstörend – und am Ende überraschend zärtlich. Auf knapp 160 Seiten entsteht ein literarisches Panorama einer Welt, die sich gleichzeitig permanent verändert und innerlich erstarrt ist. Masłowskas Figuren leben nicht einfach nebeneinander, sie existieren in parallelen Realitäten. Ein selbstverliebter Banker auf nächtlicher Jagd, ein Werbefilmer im rauschhaften Dauerbetrieb, ein Junge beim Angeln, eine Frau in einem schäbigen Hotelzimmer, die sich radikal entblößt – körperlich wie seelisch. Sie alle sind einsam, aber nicht still. Sie reden, denken, fantasieren unaufhörlich, während um sie herum eine Welt aus Phrasen, Werbung, Statussymbolen und Projektionen flimmert. Das „Paradies“, das der Titel verspricht, ist kein Ort des Heils, sondern ein trügerischer Zustand permanenter Selbsttäuschung. Besonders eindrucksvoll ist Masłowskas Sprache. Sie ist scharf, rhythmisch, manchmal fast brutal komisch, dann wieder von einer unerwarteten Sanftheit.
Klischees werden nicht einfach entlarvt, sondern so lange überdreht, bis sie in sich zusammenfallen. Masłowska zeigt, wie sehr unsere Wahrnehmung von vorgefertigten Bildern geprägt ist – von Männlichkeit, Erfolg, Glück, Begehren – und wie leer diese Bilder geworden sind. Gleichzeitig urteilt sie nicht. Ihre Figuren sind lächerlich und verletzlich zugleich, Opfer und Täter in einem System, das sie selbst mitproduzieren. Ein zentrales Motiv des Buches ist die Unmöglichkeit kohärenter Erfahrung. Niemand lebt hier noch „in einer Welt“, sondern in Fragmenten: Medienbilder, Selbstentwürfe, Erinnerungsfetzen. Besonders berührend ist die magische Verbindung zwischen dem angelnden Jungen und der Schwimmerin in Seenot – ein leiser, beinahe märchenhafter Moment, der zeigt, dass Nähe vielleicht doch noch möglich ist, wenn auch nur flüchtig. Solche Passagen geben dem Buch seine emotionale Tiefe und verhindern, dass es zur reinen Satire wird. Im Paradies ist kein bequemes Buch. Es verlangt Aufmerksamkeit, Offenheit für Brüche und für eine Sprache, die nicht glättet, sondern reibt. Doch genau darin liegt seine Kraft. Masłowska hält der Gegenwart keinen moralischen Spiegel vor, sondern eine verzerrte, funkelnde Fläche, in der man sich selbst wiedererkennt – widerwillig, lachend, erschrocken. Dieses Buch zeigt einmal mehr, warum Dorota Masłowska eine der präzisesten Chronistinnen unserer Zeit ist. Sie schreibt über Einsamkeit, Konsum, Rollenbilder und Identitätsverlust, ohne jemals banal zu werden. Im Paradies ist ein literarischer Kurzschluss zwischen Komik und Ernst, zwischen Analyse und Empathie – und ein Text, der lange nachhallt, obwohl er so schmal ist.
UND WAS NUN?