// werktag vol. (1)90 – „99 1/2 missverstandene songs“

mit dem Werk „Verhört Verkannt Vereinnahmt“ von Michael Behrendt. // Ich liebe Bücher, die Popmusik nicht nur feiern, sondern hinterfragen – und genau das macht Michael Behrendt in Verhört, verkannt, vereinnahmt. 99 ½ missverstandene Songs auf ausgesprochen unterhaltsame Weise. Schon der Titel macht klar, wohin die Reise geht: Es geht um all die Songs, die […]

mit dem Werk „Verhört Verkannt Vereinnahmt“ von Michael Behrendt.

// Ich liebe Bücher, die Popmusik nicht nur feiern, sondern hinterfragen – und genau das macht Michael Behrendt in Verhört, verkannt, vereinnahmt. 99 ½ missverstandene Songs auf ausgesprochen unterhaltsame Weise. Schon der Titel macht klar, wohin die Reise geht: Es geht um all die Songs, die wir seit Jahren mitsingen, zitieren oder bei Fußballspielen grölen – und vielleicht nie wirklich verstanden haben. Was mir beim Lesen sofort gefallen hat, ist der Tonfall. Behrendt schreibt nicht belehrend, sondern neugierig, manchmal augenzwinkernd, manchmal auch mit einem gewissen Staunen darüber, wie sehr sich Bedeutung verschieben kann. Ob es um verhörte Songzeilen geht, die plötzlich ein völlig absurdes Eigenleben entwickeln, oder um Lieder, die politisch oder kulturell vereinnahmt wurden – das Buch zeigt, wie wandelbar Popmusik ist. Und wie leicht wir ihr Bedeutungen unterschieben, die ursprünglich gar nicht da waren. Besonders spannend finde ich den Dreiklang aus „verhört“, „verkannt“ und „vereinnahmt“. Es geht also nicht nur um lustige Missverständnisse – wie berühmte Textzeilen, die falsch mitgesungen werden –, sondern auch um ernstere Fälle: Songs, die aus ihrem Kontext gerissen, für politische Zwecke benutzt oder als harmlose Hymnen missverstanden wurden, obwohl sie eigentlich etwas ganz anderes erzählen.

Gerade diese Mischung macht das Buch für mich mehr als nur eine Sammlung amüsanter Anekdoten. Man merkt Behrendt seine journalistische Erfahrung deutlich an. Er recherchiert gründlich, ordnet ein, liefert Hintergründe und bleibt trotzdem lesbar. Dass er seit Jahrzehnten als Reporter arbeitet und auch aus Krisen- und Kriegsgebieten berichtet hat, verleiht seinem Blick auf Themen wie Vereinnahmung und gesellschaftliche Deutung eine gewisse Schärfe. Er weiß offenbar sehr genau, wie Narrative entstehen – und wie sie sich verselbstständigen können. Genau das überträgt er hier auf die Welt der Pop- und Rockmusik. Was ich beim Lesen immer wieder gedacht habe: Dieses Buch verändert tatsächlich, wie man Songs hört. Nach einigen Kapiteln ertappe ich mich dabei, vertraute Klassiker mit anderen Ohren zu hören und mich zu fragen, ob ich sie vielleicht auch jahrelang falsch eingeordnet habe. Das ist für mich das größte Kompliment, das man einem solchen Buch machen kann: Es bleibt nicht auf der Seite stehen, sondern wirkt in den Alltag hinein. Die überarbeitete und ergänzte Ausgabe wirkt zudem sehr rund. Die Auswahl der Songs ist abwechslungsreich, mal international, mal deutschsprachig, mal politisch brisant, mal einfach nur skurril. Und selbst wenn man nicht jeden Song kennt, funktioniert das Konzept, weil es letztlich um ein größeres Thema geht: Wie wir hören. Wie wir interpretieren. Und wie sehr wir Musik mit unseren eigenen Vorstellungen aufladen. Für mich ist Verhört, verkannt, vereinnahmt deshalb eine ebenso unterhaltsame wie kluge Lektüre. Es ist das perfekte Buch für alle, die Popmusik lieben – und bereit sind, ihre eigenen Hörgewohnheiten ein kleines bisschen infrage zu stellen.