// aufgelesen vol. (6)60 – „es ist hell und draussen dreht sich die welt“

mit den Werken „Es ist hell und draussen dreht sich die Welt“ von Dita Zipfel und „Ilaria“ von Gabriella Zalapì. // Zwei neue Bücher, zwei sehr unterschiedliche Schauplätze – ein luxuriöser Ferienbungalow am Meer hier, eine rastlose Irrfahrt durch Italien dort – und doch kreisen beide Romane um erstaunlich ähnliche Fragen: Wem gehört ein Körper? […]

mit den Werken „Es ist hell und draussen dreht sich die Welt“ von Dita Zipfel und „Ilaria“ von Gabriella Zalapì.

// Zwei neue Bücher, zwei sehr unterschiedliche Schauplätze – ein luxuriöser Ferienbungalow am Meer hier, eine rastlose Irrfahrt durch Italien dort – und doch kreisen beide Romane um erstaunlich ähnliche Fragen: Wem gehört ein Körper? Wem gehört ein Kind? Und was geschieht, wenn Nähe nicht nur Geborgenheit bedeutet, sondern auch Bedrohung? Sowohl Es ist hell und draußen dreht sich die Welt von Dita Zipfel als auch Ilaria von Gabriella Zalapì erzählen von weiblicher Selbstbehauptung – einmal aus der Perspektive erwachsener Frauen, einmal aus der Sicht eines Kindes, das viel zu früh erwachsen werden muss. In Es ist hell und draußen dreht sich die Welt steht Linn im Mittelpunkt, deren größter Wunsch es ist, Mutter zu werden. Der geplante Embryotransfer nach dem Urlaub liegt wie ein unsichtbarer Countdown über allem, wie eine leise tickende Uhr im Hintergrund jeder Szene. Zipfel entfaltet diesen inneren Druck mit großer Genauigkeit: die Sehnsucht nach Schwangerschaft, die Angst vor dem eigenen Unvermögen, die bohrende Frage, was eine „gute“ Mutter überhaupt ist – und wer das definiert.

Während die Männer sich in vertraute Rituale flüchten, trinken, angeln und ihre alten Freundschaften beschwören, entsteht zwischen den beiden Frauen zunächst eine stille Beobachtung. Blicke, kleine Gesten, unterschwellige Vergleiche. Linn schaut auf Eva – auf deren scheinbar selbstverständliche Mutterschaft, auf die Geduld, auf das Versorgen und Trösten – und schwankt zwischen Neid, Bewunderung und Widerwillen. Doch gerade aus dieser Spannung heraus wächst etwas Unerwartetes. Zwischen geflüsterten Gesprächen und Momenten abseits der männlichen Selbstgewissheit entwickelt sich eine Nähe, die immer weniger mit Konkurrenz zu tun hat und immer mehr mit Solidarität. Zipfel beschreibt sehr fein, wie sich festgeschriebene Bilder von Weiblichkeit verschieben. Mutterschaft erscheint nicht mehr als naturgegebene Bestimmung, sondern als komplexe, auch widersprüchliche Entscheidung. Mich beeindruckt an diesem Roman besonders, dass er sich nicht festlegt. Er ist wütend und zart zugleich, schonungslos und empathisch. Er zeigt Menschen nicht als Projektionsflächen, sondern als ambivalente, suchende Figuren, die ihre eigenen Antworten erst noch finden müssen.

Ganz anders gelagert und doch ebenso existenziell ist Ilaria. Hier geht es nicht um den Wunsch nach einem Kind, sondern um die brutale Realität, einem Elternteil ausgeliefert zu sein. Die achtjährige Ilaria wird von ihrem Vater entführt – eine zweijährige Odyssee durch ein Italien, das weniger Postkartenidylle als Zwischenraum ist, beginnt. Raststätten, Hotelzimmer, wechselnde Städte, Internate, Bauernhöfe – ständig in Bewegung, ohne jemals anzukommen. Was nach Roadtrip klingt, ist in Wahrheit eine Geschichte permanenter Unsicherheit. Zalapì erzählt aus der Perspektive eines Kindes, das versucht, das Unbegreifliche in eine Form zu bringen. Ilaria beschließt irgendwann, nicht mehr zu weinen. Dieser Entschluss wirkt klein und riesig zugleich – wie ein stiller Schwur, sich wenigstens innerlich nicht ganz verlieren zu lassen. In einer Situation, in der sie keine äußere Kontrolle besitzt, schafft sie sich eine Art inneres Geländer. Besonders eindringlich ist dabei die Ambivalenz der Vaterfigur: Er ist Täter und Bezugsperson zugleich, liebevoll in manchen Momenten, unberechenbar im nächsten. Diese heikle Nähe, dieses gleichzeitige Bedürfnis nach Schutz und die Angst vor genau der Person, die Schutz geben sollte, macht den Roman so beklemmend. Was beide Bücher miteinander verbindet, ist das Thema weiblicher Selbstermächtigung – jedoch auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Lebensphasen. Bei Zipfel ringen erwachsene Frauen um Deutungshoheit über ihren Körper, über ihre Lebensentwürfe, über die Frage, ob und wie sie Mutter sein wollen. Bei Zalapì geht es um ein Kind, das gezwungen ist, sich selbst zu behaupten, lange bevor es die Worte dafür hat. In beiden Romanen steht eine enge Beziehung im Zentrum – Partnerschaft, Mutterschaft, Elternschaft – und beide zeigen, dass diese Nähe nie frei von Machtverhältnissen ist. Auch stilistisch könnten die Bücher kaum unterschiedlicher sein. Zipfel erzählt gegenwärtig, dialogisch, mit feinem Gespür für psychologische Spannungen und soziale Dynamiken. Ihre Sprache tastet sich an innere Konflikte heran, lässt Raum für Zwischentöne und Unausgesprochenes. Zalapì hingegen verdichtet ihre Geschichte zu einer fast schwebenden, stellenweise geisterhaften Erzählung. Die vorbeiziehenden Landschaften spiegeln die innere Verlorenheit, die Hotels und Straßen werden zu Symbolen einer Kindheit im Ausnahmezustand. Während Es ist hell und draußen dreht sich die Welt von einem möglichen Aufbruch erzählt – zwei Frauen, die sich verbünden und neue Spielräume eröffnen –, beschreibt Ilaria eine erzwungene Reise, auf der Autonomie nur langsam und unter Schmerzen entsteht. Für mich ergänzen sich diese beiden Werke auf intensive Weise. Zusammen gelesen eröffnen sie einen vielschichtigen Blick auf weibliche Erfahrung – zwischen Wunsch und Verlust, zwischen Bindung und Befreiung, zwischen der Sehnsucht nach Nähe und der Notwendigkeit, sich vor ihr zu schützen.