mit den neuen Vinyl-Veröffentlichungen von Jehnny Beth und Kings Of Leon.

// Zwei aktuelle Vinyl-Veröffentlichungen könnten unterschiedlicher kaum sein – und gerade im Vergleich entfalten sie ihre besondere Aussagekraft. EP #2 von Kings Of Leon und You Heartbreaker, You von Jehnny Beth stehen exemplarisch für zwei sehr verschiedene künstlerische Haltungen innerhalb der zeitgenössischen Rock- und Alternative-Landschaft: hier die selbstbestimmte Rückbesinnung einer etablierten Band, dort die kompromisslose emotionale Zuspitzung einer Solo-Künstlerin. Mit EP #2 schlagen Kings Of Leon ein neues Kapitel auf. Es ist ihre erste Veröffentlichung auf dem eigenen Label und zugleich ihre erste vollständig selbst produzierte Aufnahme. Dieser Schritt ist mehr als ein organisatorisches Detail – er signalisiert künstlerische Autonomie. Nach Jahren im internationalen Mainstream wirkt diese EP wie eine bewusste Reduktion. Die vier Songs klingen direkter, roher und weniger auf große Gesten hin komponiert. Gitarren bekommen wieder Raum zum Atmen, die Arrangements wirken schlanker, fast intim.
Statt hymnischer Stadionmomente dominiert eine konzentrierte Energie, die an die frühen Jahre der Band erinnert, ohne nostalgisch zu sein. Man hört Erfahrung und Reife, aber auch den Wunsch, sich nicht mehr beweisen zu müssen. Das 12″-Format unterstreicht diesen Charakter zusätzlich: kein ausuferndes Album, sondern ein fokussiertes, in sich geschlossenes Statement. Auf Vinyl entfaltet diese Reduktion eine besondere Wirkung – die Dynamik wirkt organisch, die Instrumente greifen spürbar ineinander, kleine Unsauberkeiten werden Teil der Authentizität.

Ganz anders positioniert sich Jehnny Beth mit You Heartbreaker, You. Ihr zweites Soloalbum, produziert mit ihrem langjährigen Kollaborateur Johnny Hostile, setzt nicht auf Reduktion, sondern auf emotionale Verdichtung. Wo Kings Of Leon kontrolliert und konzentriert klingen, wirkt Beth kompromisslos und körperlich. Das Album wird als kathartisch beschrieben – und genau so fühlt es sich an. Bereits die Single „Broken Rib“ deutet diese Richtung an: ein Song, der Spannung nicht abbaut, sondern steigert, der Nähe sucht und zugleich Distanz markiert. Die neun Tracks des Albums formen einen intensiven Spannungsbogen, der sich eher wie eine Konfrontation als wie eine Einladung anfühlt. Beth spielt mit Laut-Leise-Kontrasten, mit brüchigen Momenten und eruptiven Ausbrüchen. Ihre Stimme steht im Zentrum – mal verletzlich, mal schneidend, immer präsent. Auch im Kontext ihrer Karriere markiert das Album eine Weiterentwicklung. Nach dem introspektiven Debüt To Love Is To Live wirkt You Heartbreaker, You fokussierter, entschlossener, beinahe radikaler. Während Kings Of Leon mit ihrer EP eine Art künstlerische Selbstvergewisserung betreiben, scheint Beth die Grenzen ihrer Ausdrucksmöglichkeiten auszuloten und bewusst zu verschieben. Auf Vinyl gewinnt diese Intensität zusätzliche Tiefe: Verzerrungen, Hallräume und dynamische Extreme wirken physisch greifbar, fast druckvoll im Raum stehend. Beide Veröffentlichungen zeigen damit zwei Wege, wie das Medium Vinyl heute genutzt wird. Für Kings Of Leon ist es das Format einer kontrollierten Rückkehr zu den eigenen Wurzeln – ein kompaktes Manifest der Selbstbestimmung. Für Jehnny Beth wird es zum Träger eines emotional aufgeladenen Gesamtwerks, das als geschlossene Einheit erfahren werden will. Gemeinsam ist beiden Platten jedoch der bewusste Umgang mit dem Albumformat: Musik wird hier nicht als lose Aneinanderreihung von Tracks verstanden, sondern als künstlerische Aussage mit klarer Dramaturgie. Gerade im analogen Format entfalten diese Unterschiede ihre ganze Wirkung – zwischen konzentrierter Reife und kathartischer Entladung.
UND WAS NUN?