// aufgelesen vol. (6)59 – „die lebensentscheidung“

mit dem Werk „Die Lebensentscheidung“ von Robert Menasse. // Mit Die Lebensentscheidung legt Robert Menasse eine Novelle vor, die auf den ersten Blick leise wirkt – und gerade deshalb mit existenzieller Wucht trifft. Es ist kein großes Panorama, kein politischer Gesellschaftsroman, wie man ihn von Menasse kennt, sondern eine konzentrierte Geschichte über einen Mann, der […]

mit dem Werk „Die Lebensentscheidung“ von Robert Menasse.

// Mit Die Lebensentscheidung legt Robert Menasse eine Novelle vor, die auf den ersten Blick leise wirkt – und gerade deshalb mit existenzieller Wucht trifft. Es ist kein großes Panorama, kein politischer Gesellschaftsroman, wie man ihn von Menasse kennt, sondern eine konzentrierte Geschichte über einen Mann, der glaubt, eine Entscheidung über sein Leben treffen zu können – und dann feststellen muss, wie relativ diese Vorstellung ist. Franz Fiala kündigt seinen Job bei der Europäischen Kommission, frustriert von Bürokratie und institutionellen Mühlen. Schon dieser Schritt trägt etwas Endgültiges in sich, eine Art Befreiungsschlag. Doch was zunächst wie eine selbstbestimmte Neuorientierung erscheint, bekommt eine andere Dimension, als bei ihm Krebs diagnostiziert wird – mit einer Prognose, die kaum noch Zeit lässt. Ab diesem Moment verschiebt sich alles. Es geht nicht mehr um Karriere, nicht um Beziehungsklärungen, nicht einmal primär um ihn selbst. Es geht um seine Mutter. Was mich an dieser Konstellation besonders berührt, ist dieser Gedanke des „Überlebenswettkampfs“.

Fiala beschließt, seine Krankheit vor der Mutter zu verbergen, um ihr den Schmerz zu ersparen, ihr Kind sterben zu sehen. Überleben bedeutet für ihn plötzlich, länger durchzuhalten als sie. Das ist tragisch, fast absurd – und zugleich zutiefst menschlich. Diese Verschiebung des Fokus, weg vom eigenen Leiden hin zu einer letzten Fürsorgegeste, verleiht der Geschichte eine große emotionale Intensität. Menasse erzählt das mit einer Mischung aus Ernst und leiser Ironie. Es gibt Momente, in denen man die Absurdität der Situation spürt – etwa wenn Fiala versucht, Normalität zu inszenieren, während sein Körper längst gegen ihn arbeitet. Und doch kippt der Text nie ins Sentimentale. Statt Pathos herrscht eine nüchterne Klarheit, die die Tragik eher verstärkt als abschwächt. Spannend finde ich auch, wie sich hier private und politische Ebenen subtil berühren. Ein Mann, der aus der europäischen Bürokratie aussteigt, der sein Berufsleben einer Institution gewidmet hat, steht plötzlich vor einer zutiefst persönlichen, nicht delegierbaren Entscheidung. Keine Kommission, kein Verfahren, kein Papier kann ihm helfen. Am Ende bleibt nur die Frage: Kann man wirklich über sein Leben entscheiden? Oder entscheidet das Leben über uns? Formal ist die Novelle sehr verdichtet. Auf gut 150 Seiten entsteht ein intensiver innerer Monolog, durchzogen von Gesprächen mit der Mutter und mit Nathalie, der Partnerin in Brüssel. Gerade die misslingenden Dialoge zeigen, wie sehr Sprache an Grenzen stößt, wenn es um Tod, Angst und Verdrängung geht. Man spürt in jeder Szene dieses fragile Gleichgewicht zwischen Wahrheit und Schutzbehauptung. Für mich ist Die Lebensentscheidung ein Buch, das lange nachhallt. Nicht laut, nicht dramatisch inszeniert, sondern still und präzise. Es erinnert daran, dass wir vieles planen, vieles entscheiden – und doch am Ende mit der radikalen Unplanbarkeit des Lebens konfrontiert werden. Und vielleicht liegt genau darin seine Stärke: Es zeigt, dass selbst im Angesicht des Todes noch Entscheidungen möglich sind – auch wenn sie kleiner, stiller und persönlicher sind, als wir es uns je vorgestellt hätten.