mit den Werken „Calanda oder Alvas Antwort“ von Angelika Overath und „Spur und Abweg“ von Kurt Tallert.

// Zwei sehr unterschiedliche Bücher – und doch kreisen Calanda oder Alvas Antwort von Angelika Overath und Spur und Abweg von Kurt Tallert um ähnliche Fragen: Wie prägt die Vergangenheit unser Leben? Wie viel Verantwortung tragen wir für Geschichten, die vor uns begonnen haben? Und wie lässt sich aus Erinnerung überhaupt eine eigene Lebensrichtung entwickeln? Angelika Overaths Roman Calanda oder Alvas Antwort beginnt mit einer Bewegung: Noch vor Sonnenaufgang bricht Alva auf, um den Calanda zu besteigen, den markanten Hausberg oberhalb von Chur. Fast zweitausend Höhenmeter liegen vor ihr, ein langer Weg, der nicht nur körperliche Anstrengung bedeutet, sondern auch zu einer Reise durch das eigene Leben wird. Während sie Schritt für Schritt aufsteigt, tauchen Erinnerungen auf – an Beziehungen, Entscheidungen, Verluste und an die komplizierte Balance ihres heutigen Lebens.
Alva ist Mutter von zwei Kindern, deren Väter aus unterschiedlichen Welten stammen: Cla aus dem Engadin und Baran aus Istanbul. Zwischen diesen drei Erwachsenen besteht eine ungewöhnliche, fragile Nähe. Freundschaft, vergangene Liebe und gemeinsame Verantwortung überlagern sich. Overath erzählt diese Konstellation ohne Sensationslust, vielmehr mit großer Sensibilität für die Fragen, die daraus entstehen: Was bedeutet Familie heute? Wie lässt sich Fürsorge organisieren, ohne sich selbst zu verlieren? Und wie viel Belastung kann eine Beziehung aushalten, wenn sie nicht in klassischen Formen stattfindet? Während Alva den Berg hinaufsteigt, weitet sich der Blick immer wieder in die Vergangenheit. Besonders präsent ist die Geschichte ihrer Großmutter, die Flucht und Vertreibung erlebt hat. Diese Erfahrung wirkt wie ein leiser Hintergrundton, der zeigt, dass Stärke oft aus Momenten der Schwäche entsteht. Overaths Roman ist daher nicht nur eine persönliche Selbstbefragung, sondern auch eine Reflexion über generationsübergreifende Erfahrungen. Die Bergbesteigung wird zum Bild für diesen Prozess: ein langsames, konzentriertes Vorwärtsgehen, bei dem jeder Schritt mit Erinnerung und Entscheidung verbunden ist.

Kurt Tallerts Spur und Abweg nähert sich dem Thema Vergangenheit aus einer anderen Perspektive. Hier steht nicht eine fiktive Figur im Mittelpunkt, sondern der Autor selbst – und vor allem die Geschichte seines Vaters. Harry Tallert wurde von den Nationalsozialisten als „Halbjude“ verfolgt, überlebte die Zeit des Regimes und blieb nach dem Krieg in Deutschland. Später arbeitete er als Journalist und wurde sogar Bundestagsabgeordneter. Doch trotz dieser scheinbaren Integration blieb sein Leben geprägt von der Suche nach einem Platz in einer Gesellschaft, die sich mit ihrer eigenen Vergangenheit lange schwer tat. Für Kurt Tallert, geboren Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges, ist diese Geschichte keine abstrakte historische Episode. Während viele Gleichaltrige den Nationalsozialismus nur aus Schulbüchern kennen, ist er für ihn Teil der eigenen Familienbiografie. Sein Vater ist bei seiner Geburt bereits 58 Jahre alt und stirbt, als Kurt zwölf ist. Dadurch wird die Vergangenheit gleichzeitig sehr nah und doch bruchstückhaft: Erinnerungen, Erzählungen und Lücken überlagern sich. Spur und Abweg ist deshalb weniger eine klassische Familienchronik als eine literarische Spurensuche. Tallert versucht, das Leben seines Vaters zu verstehen – und damit auch sich selbst. Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander, persönliche Erinnerung trifft auf politische Geschichte. Der Ton ist reflektiert, manchmal tastend, immer wieder auch selbstkritisch. Gerade diese Offenheit macht das Buch so eindrucksvoll. Im Kontext gelesen, eröffnen beide Werke einen spannenden Dialog über Generationen und Lebensentwürfe. Overaths Roman richtet den Blick nach innen: auf eine Frau, die in der Gegenwart versucht, ihre Beziehungen, ihre Mutterschaft und ihre Herkunft miteinander zu versöhnen. Tallerts Buch dagegen blickt stärker zurück: auf eine Familiengeschichte, die untrennbar mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden ist. Gemeinsam ist beiden Texten jedoch das Interesse an der Frage, wie Vergangenheit weiterwirkt. Bei Overath erscheint sie in Form familiärer Erinnerungen und geerbter Stärke. Bei Tallert tritt sie als historische Erfahrung hervor, die sich über Generationen hinweg fortsetzt. In beiden Fällen wird deutlich, dass Identität nie nur aus individuellen Entscheidungen entsteht, sondern immer auch aus Geschichten, die uns vorausgehen. So unterschiedlich die Formen sind – der literarische Roman hier, das autobiografische Erinnerungsbuch dort –, beide Bücher zeigen, dass die Suche nach einem eigenen Weg oft mit dem Blick zurück beginnt. Manchmal führt dieser Weg, wie bei Alva, Schritt für Schritt einen Berg hinauf. Manchmal folgt er, wie bei Tallert, den Spuren eines anderen Lebens. Doch in beiden Fällen geht es letztlich um dieselbe Frage: Wie lässt sich aus Vergangenheit eine Zukunft formen?
UND WAS NUN?