mit dem Werk „Wenn wir lächeln“ von Mascha Unterlehberg.

// Mascha Unterlehbergs Debütroman Wenn wir lächeln beginnt mit einer Szene, die sofort Spannung und Ungewissheit erzeugt. Jara steht auf einer alten Eisenbahnbrücke über der Ruhr und blickt in das dunkle Wasser unter sich. Kurz zuvor ist ihre Freundin Anto in den Fluss gesprungen – und taucht nicht wieder auf. Was genau geschehen ist, bleibt zunächst offen. Das Einzige, was im Wasser treibt, ist ein Baseballschläger, mit dem die beiden in dieser Nacht ein Autofenster eingeschlagen haben. Schon dieser Auftakt macht deutlich: Hier geht es um Freundschaft, Wut, Grenzüberschreitungen – und um den Moment, in dem alles kippt. Der Roman erzählt von der intensiven Beziehung zwischen Jara und Anto. Als die beiden sich kennenlernen, ist Anto auf dem Fußballplatz zwar die schlechteste Spielerin, aber zugleich die mutigste. Gerade diese Mischung fasziniert Jara. Schnell entsteht eine Nähe, die mehr ist als gewöhnliche Freundschaft. Die beiden teilen ihren Alltag, ihre Geheimnisse, kleine Rituale – Lipgloss, Cherry Cola, endlose Gespräche – und gleichzeitig eine wachsende, kaum greifbare Aggression gegenüber der Welt um sie herum.
Ihre Verbindung wirkt wie eine Art Schwesternschaft, eine Allianz gegen alles, was sie einengt oder bedroht. Unterlehberg zeichnet diese Beziehung mit großer Intensität. Die Freundschaft der beiden Mädchen ist zart und brutal zugleich: voller Zuneigung, aber auch durchzogen von einer Energie, die jederzeit in Wut umschlagen kann. Immer wieder entwerfen sie Pläne, kleine Rebellionen, nächtliche Aktionen. Anfangs wirken diese wie harmlose Versuche, Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. Doch mit der Zeit verschiebt sich etwas. Die Grenzen werden unschärfer, die Aktionen riskanter, und die Frage steht im Raum, wohin all die aufgestaute Energie eigentlich führen soll. Besonders eindrucksvoll ist, wie der Roman die Atmosphäre des Erwachsenwerdens einfängt. Die Welt der Erwachsenen erscheint oft distanziert oder unverständlich, während die eigene Gefühlswelt übermächtig wirkt. Freundschaft wird in dieser Phase zu einem Rettungsanker – und zugleich zu einem Raum, in dem extreme Emotionen entstehen können. Unterlehberg zeigt, wie aus Solidarität und Schutz auch eine Dynamik entstehen kann, die sich immer weiter steigert. Stilistisch ist Wenn wir lächeln dicht und unmittelbar. Die Sprache wirkt konzentriert, manchmal fast fiebrig, und transportiert das Gefühl eines permanenten inneren Drucks. Viele Szenen besitzen eine starke körperliche Präsenz: Hitze, Bewegung, Herzschlag, das Drängen von Gefühlen, die sich kaum in Worte fassen lassen. Dadurch entsteht ein Sog, der den Roman schnell und intensiv lesbar macht. Im Kern ist das Buch ein Porträt weiblicher Freundschaft unter extremen Bedingungen. Es zeigt junge Frauen, die nicht mehr bereit sind, sich anzupassen oder still zu bleiben – und die doch noch nicht wissen, wohin ihre Energie sie führen wird. Die Gewaltfantasien, die zunächst wie übertriebene Gedanken wirken, bekommen zunehmend Gewicht. Gleichzeitig bleibt immer die Frage offen, wie viel davon real ist und wie viel aus Angst, Frustration und Sehnsucht entsteht. Wenn wir lächeln ist damit mehr als eine Geschichte über zwei Freundinnen. Es ist ein Roman über die dunkleren Seiten des Erwachsenwerdens, über Loyalität und Kontrollverlust und über die Kraft von Beziehungen, die gleichzeitig Halt geben und Abgründe öffnen können. Mascha Unterlehberg gelingt ein intensives Debüt, das lange nachhallt – gerade weil es die Ambivalenz seiner Figuren ernst nimmt und ihre Wut nicht vorschnell erklärt oder entschärft.
UND WAS NUN?