// strichcode vol. (4)55 – „precious metal“

mit dem Werk „Precious Metal“ von Darcy van Poelgeist, Ian Bertram und Matt Hollingsworth. // Mit Precious Metal kehren Autor Darcy Van Poelgeest und Zeichner Ian Bertram in die düstere Zukunftswelt zurück, die sie einige Jahre zuvor mit Little Bird geschaffen haben. Der Band ist als Prequel angelegt und spielt mehrere Jahrzehnte vor den Ereignissen […]

mit dem Werk „Precious Metal“ von Darcy van Poelgeist, Ian Bertram und Matt Hollingsworth.

// Mit Precious Metal kehren Autor Darcy Van Poelgeest und Zeichner Ian Bertram in die düstere Zukunftswelt zurück, die sie einige Jahre zuvor mit Little Bird geschaffen haben. Der Band ist als Prequel angelegt und spielt mehrere Jahrzehnte vor den Ereignissen der ursprünglichen Geschichte. Gleichzeitig funktioniert er als eigenständiger Comic, der neue Figuren einführt und die Hintergründe dieses ungewöhnlichen Science-Fiction-Universums weiter ausleuchtet. Um die Bedeutung von Precious Metal zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf Little Bird. Die ursprüngliche Serie spielt in einer dystopischen Zukunft Nordamerikas. Große Teile des Kontinents stehen unter der Kontrolle eines autoritären amerikanischen Imperiums, das religiöse Ideologie und politische Macht miteinander verbindet. In dieser Welt sind Andersartigkeit und Abweichung gefährlich – insbesondere für Menschen, deren Körper genetisch oder technologisch verändert wurden. Die Geschichte folgt der jungen Kämpferin Little Bird, die gegen dieses System rebelliert und gleichzeitig versucht herauszufinden, welche Rolle sie selbst in dieser Welt spielt.

Schon damals fiel die Serie nicht nur durch ihre ungewöhnliche Handlung auf, sondern vor allem durch ihre visuelle Radikalität. Ian Bertrams Zeichnungen wirken detailreich, grotesk und gleichzeitig fast poetisch. Figuren erscheinen überdehnt, Körper verschmelzen mit Maschinen oder organischen Strukturen, Landschaften wirken fremd und vertraut zugleich. Diese eigenwillige Bildsprache, kombiniert mit der intensiven Farbgestaltung von Matt Hollingsworth, machte Little Bird zu einem der visuell auffälligsten Comics seiner Zeit. Precious Metal setzt nun rund 35 Jahre vor diesen Ereignissen ein. Im Zentrum der Geschichte steht Max Weaver, ein sogenannter Mod-Tracker. Seine Aufgabe besteht darin, modifizierte Menschen aufzuspüren – Individuen, deren Körper durch Technologie oder genetische Eingriffe verändert wurden. In der Welt des Comics gelten solche Menschen als Bedrohung oder zumindest als Störung der gesellschaftlichen Ordnung. Weaver jagt sie im Auftrag anderer, doch längst hat er den Glauben an diese Arbeit verloren. Die Welt, in der er lebt, erscheint ihm leer und zynisch, und seine eigene Rolle darin ist ihm zunehmend fremd geworden. Die Handlung nimmt ihren Anfang mit einem scheinbar gewöhnlichen Auftrag: Weaver soll ein modifiziertes Kind finden. Doch die Situation entwickelt sich anders als erwartet. Das Kind entzieht sich nicht nur seiner Kontrolle, sondern scheint auch mit Weavers eigener Vergangenheit verbunden zu sein. Gleichzeitig wird es von einer geheimnisvollen religiösen Gruppierung verfolgt, die in ihm etwas sieht, das weit über seine bloße Existenz hinausgeht. Damit entfaltet sich eine Geschichte, die mehrere Ebenen miteinander verbindet. Auf der Oberfläche ist es eine düstere Verfolgungs- und Reisegeschichte. Weaver und das Kind bewegen sich durch eine zerstörte Welt, in der Gewalt, religiöser Fanatismus und technologische Eingriffe in den menschlichen Körper zum Alltag gehören. Doch unter dieser Handlung liegt eine zweite Ebene: eine Suche nach Erinnerung und Identität. Weaver beginnt zu begreifen, dass seine eigenen Erinnerungen unvollständig sind – und dass das Kind der Schlüssel zu etwas sein könnte, das er längst verloren glaubte. Wie schon in Little Bird lebt der Comic stark von seiner Atmosphäre. Die Welt wirkt fremdartig, oft verstörend, und doch nie völlig unrealistisch. Technologie erscheint nicht als glatte Zukunftsvision, sondern als etwas Organisches, manchmal sogar Unheimliches. Körper werden verändert, erweitert oder deformiert, religiöse Symbole verschmelzen mit Maschinen und politischen Strukturen. Dadurch entsteht eine Zukunft, die gleichzeitig archaisch und futuristisch wirkt. Ein entscheidender Bestandteil dieser Wirkung ist erneut die visuelle Gestaltung. Ian Bertram nutzt die Comicseite nicht nur als Abfolge von Bildern, sondern als experimentellen Raum. Panelstrukturen werden aufgebrochen, Figuren verzerren sich über mehrere Bildflächen hinweg, Perspektiven verschieben sich ständig. Diese Gestaltung zwingt die Leserinnen und Leser oft dazu, langsamer zu lesen und genauer hinzusehen. Die Farben von Matt Hollingsworth verstärken diese Wirkung mit intensiven, manchmal fast traumartigen Farbflächen. Inhaltlich greift Precious Metal viele Themen auf, die schon in Little Bird angelegt waren: Machtstrukturen, religiöse Ideologie, die Kontrolle über Körper und Identität sowie die Frage, wie viel Menschlichkeit in einer von Gewalt geprägten Welt übrig bleibt. Gleichzeitig rückt der Comic stärker individuelle Schicksale in den Mittelpunkt. Die Beziehung zwischen Weaver und dem geheimnisvollen Kind entwickelt sich langsam zu einer zentralen emotionalen Achse der Geschichte. Als Prequel erweitert der Band somit nicht nur die Hintergrundgeschichte der Welt von Little Bird, sondern zeigt auch, wie diese dystopische Gesellschaft überhaupt entstehen konnte. Viele der späteren Konflikte werden hier vorbereitet: die Verfolgung von modifizierten Menschen, die Macht religiöser Bewegungen und die extreme gesellschaftliche Spaltung. Am Ende entsteht ein Comic, der sowohl als Ergänzung zu Little Bird als auch als eigenständige Geschichte funktioniert. Precious Metal verbindet düstere Science-Fiction mit einer sehr persönlichen Erzählung über Erinnerung, Verantwortung und die Suche nach einem Platz in einer beschädigten Welt. Gleichzeitig bleibt die visuelle Gestaltung ein zentrales Erlebnis – intensiv, experimentell und unverwechselbar.