// zuckerbeat vol. (6)67 – „langsam wirst ma fremd“

mit dem Album „Gschnas“ von Voodoo Jürgens. // Mit Gschnas meldet sich Voodoo Jürgens zurück – und zwar nicht leise. Drei Jahre nach Wie die Nocht noch jung wor steht plötzlich nicht mehr nur der melancholische Beisl-Poet im Raum, sondern ein Künstler, der spürbar an einem neuen Punkt angekommen ist. Einer, der sich seiner Wirkung […]

mit dem Album „Gschnas“ von Voodoo Jürgens.

// Mit Gschnas meldet sich Voodoo Jürgens zurück – und zwar nicht leise. Drei Jahre nach Wie die Nocht noch jung wor steht plötzlich nicht mehr nur der melancholische Beisl-Poet im Raum, sondern ein Künstler, der spürbar an einem neuen Punkt angekommen ist. Einer, der sich seiner Wirkung bewusst ist – und trotzdem nicht geschniegelt wirkt. Vielleicht gerade deshalb. Schon der Opener „Langsam wirst ma fremd“ fühlt sich an wie eine Ansage. Da ist diese vertraute Stimme, dieses leicht brüchige Timbre, das sofort eine Welt aufmacht. Aber musikalisch ist da mehr Weite als früher. Weniger verrauchte Hinterzimmer, mehr Horizont. Gschnas klingt größer, offener, ohne die Intimität aufzugeben, die Voodoo Jürgens immer ausgezeichnet hat. In den letzten Jahren ist viel passiert: Filmerfolg, Auszeichnungen, ausverkaufte Tourneen. Man könnte erwarten, dass so ein Aufstieg entweder zu Größenwahn oder zur Selbstkopie führt. Beides passiert hier nicht. Stattdessen hört man eine Art Standortbestimmung.

Songs wie „De An und de Aundan“ oder „Guade Stubn“ tragen noch diesen bitterzarten Blick auf soziale Unterschiede und zwischenmenschliche Abgründe in sich, aber sie wirken reflektierter. Weniger reine Milieustudie, mehr Innenschau. Besonders stark finde ich „Da Zweifl“. Der Titel sagt eigentlich schon alles. Hier klingt das Album für mich am ehrlichsten. Zweifel als Motor, nicht als Schwäche. Diese Mischung aus Selbstbefragung und trotzigem Weitermachen zieht sich durch viele Songs. Auch „Somnambulen“ oder „Ka Ruah“ haben dieses Getriebene, dieses Gefühl, nie ganz anzukommen – weder in der Welt da draußen noch in der eigenen Haut. Musikalisch ist Gschnas erstaunlich vielseitig. Es gibt diese typischen schunkelnden, leicht schrägen Melodien, die man sofort mitsummen kann. Gleichzeitig wirken manche Arrangements dichter, mutiger, stellenweise fast poppig – ohne ins Beliebige zu kippen. Die Produktion ist klar, druckvoll, lässt der Band Raum und gibt den Songs trotzdem Glanz. Man spürt, dass hier jemand nicht mehr nur Kultfigur sein will, sondern ernsthaft an einem größeren Klangbild arbeitet. Und dann ist da natürlich die Sprache. Dieses unnachahmliche Österreichisch, das zwischen Lakonie und Poesie pendelt. Zeilen, die beiläufig daherkommen und dann plötzlich sitzen wie ein Stich. „Taxitänzer“ etwa – so ein Titel, der schon nach Nacht, nach Einsamkeit und flüchtigen Begegnungen riecht. Voodoo Jürgens schafft es immer noch, Figuren zu zeichnen, die man meint zu kennen, obwohl man sie nie getroffen hat. Für mich ist Gschnas kein radikaler Bruch, sondern eher eine Erweiterung. Das „Beisl-Biotop“ mag nicht mehr das Zentrum sein, aber es bleibt Teil seiner DNA. Jetzt geht es um mehr – um Autonomie, um das Freistrampeln aus Zuschreibungen, vielleicht auch um die Frage, wie man mit Erfolg umgeht, ohne sich selbst zu verlieren. Am Ende fühlt sich dieses Album tatsächlich wie ein Ereignis an. Nicht, weil es laut nach Aufmerksamkeit schreit, sondern weil es einen Künstler zeigt, der sich bewegt, ohne seine Wurzeln zu verleugnen. Ein bisschen Glamour, viel Herz, genug Schmutz unter den Fingernägeln – und Melodien, die bleiben. Für mich ist Gschnas ein selbstbewusster Schritt nach vorn. Und einer, der erstaunlich leichtfüßig wirkt, trotz all der Themen, die darin stecken.