// zuckerschock für den mai 2026: matt dinniman – „dungeon crawler carl“

mit dem Werk „Dungeon Crawler Carl“ von Matt Dinniman. // Matt Dinnimans Dungeon Crawler Carl hat mich ehrlich gesagt ziemlich überrascht – ich bin mit der Erwartung reingegangen, einfach eine abgefahrene, vielleicht etwas alberne Fantasy-Geschichte zu bekommen, und hab am Ende viel mehr gelesen als nur das. Klar, das Ding ist laut, chaotisch und stellenweise […]

mit dem Werk „Dungeon Crawler Carl“ von Matt Dinniman.

// Matt Dinnimans Dungeon Crawler Carl hat mich ehrlich gesagt ziemlich überrascht – ich bin mit der Erwartung reingegangen, einfach eine abgefahrene, vielleicht etwas alberne Fantasy-Geschichte zu bekommen, und hab am Ende viel mehr gelesen als nur das. Klar, das Ding ist laut, chaotisch und stellenweise komplett drüber – aber genau darin steckt auch seine Stärke. Die Grundidee ist erstmal herrlich absurd: Die Erde wird von Aliens „übernommen“, aber nicht im klassischen Invasionsstil, sondern als gigantische, intergalaktische Gameshow inszeniert. Menschen werden zu Teilnehmern in einem Dungeon, müssen Level bestehen, Loot sammeln, Skills verbessern – und das Ganze wird live übertragen. Einschaltquoten entscheiden mit darüber, wer Unterstützung bekommt und wer einfach draufgeht. Schon dieser Ansatz hat für mich sofort funktioniert, weil er so offensichtlich überzeichnet ist und gleichzeitig ziemlich nah an realen Mechanismen von Unterhaltung rückt.

Carl selbst ist dabei ein ziemlich bodenständiger Typ, der eher zufällig in diese Situation gerät – zusammen mit Princess Donut, dieser völlig absurden, aber großartigen Katze, die sich schnell als heimlicher Star herausstellt. Die Dynamik zwischen den beiden trägt das Buch enorm. Gerade weil Donut nicht einfach nur Statistin ist, sondern wirklich Persönlichkeit bekommt, mit Ego, Ehrgeiz und einem ganz eigenen Blick auf diese komplett kaputte Welt. Was mir besonders gefallen hat, ist, wie gut das Buch diesen Spagat hinbekommt: Auf der einen Seite ist es extrem witzig, teilweise fast schon grotesk – mit explodierenden Gegnern, absurden Items und völlig überdrehten Situationen. Auf der anderen Seite steckt darunter eine ziemlich bissige Kritik an unserer eigenen Medienkultur. Dieses ständige Performen, bewertet werden, das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Sponsoren, Reichweite – das fühlt sich gar nicht mehr so weit weg an, wenn man ehrlich ist. Damit ist Dungeon Crawler Carl auch ein gutes Beispiel für das größere LitRPG-Phänomen. Dieses Genre, das stark von Videospielmechanismen geprägt ist – Levelsysteme, Inventare, Skills – wirkt auf den ersten Blick oft wie reine Nerd-Spielerei. Aber in den besten Fällen, und dazu würde ich dieses Buch zählen, wird daraus mehr: eine neue Art zu erzählen, die vertraute Spielstrukturen nutzt, um Spannung aufzubauen und gleichzeitig über Kontrolle, Fortschritt und Belohnungssysteme nachzudenken. Was ich beim Lesen gemerkt habe: Es entwickelt ziemlich schnell so einen Sog. Man will wissen, wie Carl den nächsten Level übersteht, welche absurden Ideen sich der Dungeon noch ausdenkt, wie sich die Figuren weiterentwickeln. Gleichzeitig wird es nach und nach auch düsterer, weil klar wird, was hier eigentlich auf dem Spiel steht – und wie wenig „Spiel“ das Ganze für die Beteiligten wirklich ist. Stilistisch ist das alles sehr direkt, sehr zugänglich, manchmal bewusst überdreht. Das muss man mögen, aber ich fand gerade diese Energie ziemlich ansteckend. Es liest sich schnell, ohne flach zu sein, und schafft es, Humor und Ernst überraschend gut auszubalancieren. Es ist unterhaltsam, laut, stellenweise völlig absurd, aber gleichzeitig auch klüger, als es sich gibt. Und gerade diese Mischung macht es so schwer, das Buch aus der Hand zu legen.