mit den Werken „Gelbe Monster“ von Clara Leinemann und „Brandung“ von Maylis de Kerangal.

// Die beiden Romane Brandung von Maylis de Kerangal und Gelbe Monster von Clara Leinemann lassen sich auf den ersten Blick kaum vergleichen – hier eine atmosphärisch dichte Spurensuche an der französischen Küste, dort ein gegenwärtiger, fast schon lakonisch erzählter Roman über Wut, Beziehung und Selbstverantwortung. Und doch kreisen beide Texte um ähnliche innere Bewegungen: um Erinnerung, um Verdrängung und um den Moment, in dem sich eine Lebensgeschichte nicht länger stabil erzählen lässt. In Brandung steht eine Frau im Zentrum, deren Leben scheinbar geordnet ist – Ehe, Kind, Beruf. Der rätselhafte Tod eines Mannes, der sie über Umwege mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert, wirkt wie ein Riss in dieser Oberfläche. Die Reise nach Le Havre wird zur Bewegung zurück in eine Zeit, die sie längst hinter sich glaubte. Was diesen Roman so besonders macht, ist die Art, wie Kerangal Erinnerung inszeniert: nicht als lineare Rückschau, sondern als Überlagerung von Orten, Bildern und Empfindungen.
Die Hafenstadt wird dabei zu einem Resonanzraum, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit unauflöslich verschränken. Der vermeintliche Kriminalfall tritt zunehmend in den Hintergrund – entscheidend ist nicht, wer dieser Tote war, sondern was er in der Protagonistin auslöst. Es geht um das Wiederauftauchen verdrängter Gefühle, um erste Liebe, Verlust und die Frage, wie sehr uns frühere Versionen unserer selbst weiterhin prägen. Ganz anders setzt Gelbe Monster an – direkter, körperlicher, unmittelbarer. Hier gibt es keinen äußeren Anlass wie einen Todesfall, sondern eine Eskalation im Hier und Jetzt. Charlie sitzt mit einem blauen Auge in der U-Bahn, auf dem Weg zu einem Antiaggressionstraining. Schon diese Ausgangssituation kippt Erwartungen: Nicht das Opfer steht im Mittelpunkt, sondern eine Frau, die selbst gewalttätig geworden ist.

Der Roman entwickelt daraus eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Schuld, Selbstbild und gesellschaftlichen Rollen. Was bedeutet es, als Frau wütend zu sein – und diese Wut nicht nur zu fühlen, sondern auszuleben? Und wie lässt sich eine Geschichte erzählen, in der man selbst nicht eindeutig auf der „richtigen“ Seite steht? Während Kerangal stark über Atmosphäre und Erinnerung arbeitet, lebt Leinemanns Text von Dialog, Dynamik und einer gewissen schonungslosen Gegenwärtigkeit. Die Gruppe im Antiaggressionstraining wird dabei zu einem sozialen Spiegel: Erst im Austausch mit anderen beginnt Charlie, ihre eigene Geschichte zu hinterfragen. Dabei geht es nicht um einfache Läuterung, sondern um die mühsame Arbeit, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich selbst vollständig zu verurteilen. Der Roman verhandelt dabei auch Fragen von toxischen Beziehungen, emotionaler Abhängigkeit und internalisierten Erwartungen an Weiblichkeit – und tut das mit einer Mischung aus Leichtigkeit, Witz und schmerzhafter Präzision. Was beide Bücher verbindet, ist die Konfrontation mit einem Selbstbild, das nicht mehr trägt. In Brandung geschieht diese Erschütterung leise, fast unmerklich, ausgelöst durch einen äußeren Impuls, der innere Prozesse in Gang setzt. In Gelbe Monster ist sie laut, körperlich und unausweichlich – eine direkte Folge von Handlungen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Beide Protagonistinnen müssen sich neu zu sich selbst verhalten: die eine, indem sie sich ihrer Vergangenheit stellt, die andere, indem sie ihre Gegenwart neu bewertet. Auch in ihrer Erzählhaltung ergänzen sich die Romane auf spannende Weise. Kerangal schreibt mit großer poetischer Dichte, ihre Sprache tastet sich voran, kreist, beobachtet, lässt Leerstellen zu. Leinemann dagegen ist unmittelbarer, schneller, oft ironisch gebrochen – näher an der Gegenwartssprache, näher an der Reibung des Alltags. Und doch geht es in beiden Fällen um etwas sehr Ähnliches: um die Fragilität von Identität und die Frage, wie wir die Geschichten über uns selbst konstruieren – und wann sie beginnen, uns zu entgleiten. Zusammen gelesen entfalten Brandung und Gelbe Monster eine bemerkenswerte Spannweite weiblicher Erfahrung: zwischen Erinnerung und Eskalation, zwischen innerem Rückzug und sozialer Auseinandersetzung. Das eine Buch zeigt, wie stark die Vergangenheit in uns weiterlebt, das andere, wie sehr wir im Hier und Jetzt Verantwortung für unser Handeln übernehmen müssen. Beide erzählen davon, dass Selbstkenntnis kein ruhiger Zustand ist, sondern ein Prozess – oft schmerzhaft, oft widersprüchlich, aber unausweichlich.
UND WAS NUN?