mit dem Werk „Rausch“ von Nuran David Calis.

// Nuran David Calis’ Rausch hat sich für mich beim Lesen ziemlich intensiv angefühlt – nicht wie ein klassischer Roman, der einen ruhig durch eine Geschichte führt, sondern eher wie etwas, das immer wieder anzieht, überfordert, weiterdrängt. Schon der Titel passt da ziemlich gut: Es geht um Zustände, um Überwältigung, um ein Leben zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Im Mittelpunkt steht Ufuk, der in den 90ern in Bielefeld als Kind armenisch-türkischer Asylbewerber aufwächst. Diese Passagen haben mich besonders getroffen, weil sie sehr direkt zeigen, wie sich Ausgrenzung und Gewalt anfühlen können – nicht abstrakt, sondern im Alltag, in der Schule, auf der Straße, im ganz normalen Aufwachsen. Da ist ständig diese latente Bedrohung, dieses Gefühl, nicht dazuzugehören, egal wie sehr man versucht, sich anzupassen. Spannend wird es dann, wenn der Roman den Sprung ins Erwachsenenleben macht. Ufuk ist inzwischen Regisseur und arbeitet an einer Inszenierung der Odyssee – und genau hier verschränken sich für mich die Ebenen besonders stark.
Diese klassische Reisegeschichte wird plötzlich zu einer sehr persönlichen, fast schon schmerzhaften Selbstbefragung. Was heißt eigentlich „Heimat“, wenn man nie wirklich eine hatte? Und kann Kunst dabei helfen, sich selbst zu verstehen – oder reißt sie alte Wunden eher wieder auf? Was ich besonders interessant fand, ist die Beziehung zu Johanna. Sie kommt aus einem ganz anderen Milieu, wohlhabend, abgesichert – und obwohl zwischen den beiden echte Nähe da ist, schwingt immer eine gewisse Fremdheit mit. Diese Unterschiede sind nicht einfach nur Hintergrund, sondern brechen immer wieder auf, manchmal subtil, manchmal ziemlich direkt. Gerade da zeigt der Roman gut, wie sehr soziale Herkunft und gesellschaftliche Realität auch in intime Beziehungen hineinwirken. Überhaupt hat mich beeindruckt, wie sehr sich in Rausch das Politische ins Persönliche frisst. Das passiert nicht plakativ, sondern eher schleichend. Gespräche kippen, Situationen verändern sich, Spannungen bauen sich auf – und plötzlich merkt man, dass man längst nicht mehr nur bei einer individuellen Geschichte ist, sondern mitten in größeren gesellschaftlichen Fragen steckt. Stilistisch ist das Ganze teilweise ziemlich dicht und fordernd. Es gibt Momente, die sich fast überschlagen, andere, die sich bewusst Zeit lassen. Ich hatte beim Lesen öfter das Gefühl, dass der Text selbst diesen „Rauschzustand“ widerspiegelt – mal klar, mal in Fragmenten, mal sehr emotional, dann wieder distanzierter. Das macht es nicht immer einfach, dieses Werk zu lesen, aber dafür auch sehr eindringlich. Unterm Strich ist Rausch für mich ein Roman, der lange nachwirkt. Vor allem, weil er Identität nicht als etwas Festes zeigt, sondern als etwas, das ständig in Bewegung ist – geprägt von Herkunft, Erfahrungen, Erwartungen und auch von den Blicken anderer. Es ist kein bequemes Buch, aber genau das macht es so stark.
UND WAS NUN?