mit den Werken Willkommen in Pandemonia und Green Witch Village.

// Die beiden Comics Willkommen in Pandemonia und Green Witch Village wirken auf den ersten Blick wie zwei völlig unterschiedliche Projekte – hier eine grelle, satirische Höllenvision rund um Influencer-Kultur, dort eine verspielte Zeitreise mit feministischer Note und Retro-Setting. Und doch verbindet sie mehr, als man zunächst vermuten würde: Beide erzählen von Figuren, die in eine ihnen fremde Welt geworfen werden – und diese Welt nicht einfach hinnehmen, sondern aktiv herausfordern. Willkommen in Pandemonia, geschrieben von Diego Agrimbau und gezeichnet von Gabriel Ippóliti, ist eine bissige, oft gnadenlose Satire auf Selbstoptimierung, Influencer-Kultur und digitale Absurditäten der Gegenwart. Die Grundidee ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Ein selbsternannter Erfolgscoach landet nach seinem Tod in der Hölle – doch statt Reue oder Einsicht bringt er genau die Mechanismen mit, die ihn zu Lebzeiten erfolgreich gemacht haben.
Er denkt in Strategien, in Markenbildung, in Lösungen. Und genau das macht ihn zu einem Störfaktor in einem System, das eigentlich auf Strafe und Ordnung ausgelegt ist. Das eigentlich Komische – und zugleich Unheimliche – liegt darin, wie mühelos sich diese Figur auch in der Hölle behauptet. Die Bestrafungen sind modernisiert, angepasst an die Sünden der digitalen Gegenwart, und doch bleibt alles Teil eines Systems, das überraschend kompatibel mit aktuellen Denkweisen wirkt. Agrimbau treibt diese Idee konsequent weiter: Was passiert, wenn selbst die Verdammnis noch optimiert werden kann? Wenn sogar Schuld und Strafe zu etwas werden, das sich managen lässt? Der Comic lebt dabei stark von seiner visuellen Überzeichnung – Ippólitis Stil ist expressiv, überladen, voller grotesker Details, die den Wahnsinn dieser Welt spiegeln. Hinter dem Humor steckt eine ziemlich präzise Diagnose unserer Gegenwart: eine Kultur, die selbst im Scheitern noch auf Selbstverwertung setzt.

Ganz anders, aber nicht weniger subversiv, funktioniert Green Witch Village von Lewis Trondheim und Franck Biancarelli. Hier beginnt alles mit einem klassischen erzählerischen Kniff: Eine Frau aus der Gegenwart erwacht plötzlich im New York der späten 1950er-Jahre. Doch statt sich einfach in dieses Setting einzufügen, bringt sie ihr heutiges Bewusstsein mit – und genau daraus entsteht die Spannung des Comics. Tabatha, die Protagonistin, ist keine passive Zeitreisende. Sie erkennt sofort die strukturellen Ungleichheiten, die Misogynie und die Machtverhältnisse dieser Epoche – insbesondere in der Werbebranche, in der sie arbeitet. Während viele Geschichten, die in der Vergangenheit spielen, dazu neigen, diese zu romantisieren, macht Green Witch Village das Gegenteil: Es konfrontiert die Vergangenheit mit einem kritischen Blick aus der Gegenwart. Tabatha wird so zu einer Figur, die nicht nur durch die Zeit reist, sondern auch durch gesellschaftliche Erwartungen – und sich ihnen widersetzt. Dabei bleibt der Comic spielerisch. Die Idee der „grünen Hexe“ bringt eine zusätzliche, fast märchenhafte Ebene ins Spiel, die sich mit politischen und historischen Themen verbindet. Und dass sich nebenbei auch noch eine Bedrohung globalen Ausmaßes – eine Atombombe – in die Handlung einschreibt, verstärkt das Gefühl, dass hier persönliche und gesellschaftliche Konflikte untrennbar miteinander verwoben sind. Im direkten Vergleich wird deutlich, wie unterschiedlich beide Werke mit ähnlichen Grundfragen umgehen. Willkommen in Pandemonia blickt auf die Gegenwart und treibt sie ins Absurde, indem es ihre Logik konsequent weiterdenkt. Green Witch Village hingegen schaut zurück und nutzt die Vergangenheit als Spiegel, um heutige Perspektiven zu schärfen. Beide arbeiten mit Überzeichnung, mit Humor und mit bewusst konstruierten Welten – aber ihre Zielrichtung ist eine andere: Der eine Comic entlarvt, der andere konfrontiert. Was sie verbindet, ist die Figur im Zentrum: Menschen, die sich nicht einfügen. Der Coach in der Hölle, der selbst dort noch nach Kontrolle strebt. Die Frau in den 1950ern, die sich weigert, die Regeln ihrer Umgebung zu akzeptieren. Beide Geschichten erzählen davon, wie Systeme funktionieren – und was passiert, wenn jemand beginnt, sie zu unterlaufen. So gelesen ergänzen sich die beiden Comics überraschend gut. Willkommen in Pandemonia ist laut, bissig und provokant, ein Spiegel unserer Gegenwart in verzerrter Form. Green Witch Village ist erzählerischer, zugänglicher, aber nicht weniger politisch – ein Spiel mit Zeit, Rollenbildern und Widerstand. Zusammen zeigen sie, wie vielseitig das Medium Comic sein kann: als Satire, als Zeitreise, als Gesellschaftsanalyse – und vor allem als Raum, in dem sich Wirklichkeit neu denken lässt.
UND WAS NUN?