// strichcode vol. (4)61 – „the horizon“

mit den Werk „The Horizon“ von JH (Band 2). // Mit dem zweiten Band von The Horizon führt JH die Geschichte genau dorthin weiter, wo sie im ersten Teil so beklemmend offen geblieben ist – und zieht die Schraube dabei noch einmal deutlich fester an. Wenn man den ersten Band gelesen hat, erinnert man sich […]

mit den Werk „The Horizon“ von JH (Band 2).

// Mit dem zweiten Band von The Horizon führt JH die Geschichte genau dorthin weiter, wo sie im ersten Teil so beklemmend offen geblieben ist – und zieht die Schraube dabei noch einmal deutlich fester an. Wenn man den ersten Band gelesen hat, erinnert man sich vor allem an diese endlose, leere Welt, an das ziellose Weitergehen, an zwei Kinder, die kaum noch wissen, warum sie überhaupt noch unterwegs sind. Der zweite Band verändert diese Dynamik spürbar. Plötzlich gibt es so etwas wie einen Ort, ein vermeintliches Zuhause, einen Erwachsenen, der Struktur verspricht. Und genau darin liegt die eigentliche Grausamkeit. Denn dieser Mann, der die beiden aufnimmt, ist keine klassische Bedrohung. Er ist ruhig, kontrolliert, fast fürsorglich – und gerade deshalb so verstörend. Er gibt den Kindern Essen, Schutz, eine Aufgabe. Aber diese Aufgabe besteht darin, Gewalt zu beobachten, zu melden, indirekt auszulösen. Die Kinder werden zu Zahnrädern in einem System, das sich selbst als notwendig und „gut“ versteht.

Und während man das liest, merkt man, wie sich etwas verschiebt: Die offene, chaotische Gewalt des ersten Bandes wird hier ersetzt durch eine strukturierte, rationalisierte Brutalität. Was mich beim Lesen besonders getroffen hat, ist dieses Gefühl von moralischer Verwirrung. Der Mann glaubt wirklich, das Richtige zu tun. Er spricht von Ordnung, von Frieden, von einer besseren Welt. Und gleichzeitig zwingt er die Kinder dazu, immer wieder Zeugen von Hinrichtungen zu werden. Es gibt keine großen Ausbrüche, keine lauten Eskalationen – stattdessen entsteht ein leiser, fast nüchterner Horror, der viel länger nachwirkt. Die beiden Kinder verändern sich in diesem Band spürbar. Im ersten Teil waren sie vor allem Überlebende, getrieben von Instinkt und Angst. Jetzt beginnt etwas anderes: ein langsames Abstumpfen, ein inneres Wegdriften. Man merkt, wie sie versuchen, das Erlebte einzuordnen, wie sie sich anpassen – und genau das ist vielleicht das Erschreckendste. Nicht die Gewalt selbst, sondern wie schnell sie zur Normalität werden kann, wenn sie in ein System eingebettet ist. Visuell bleibt der Stil so reduziert und eindringlich wie zuvor. Viel Leere, viel Raum zwischen den Panels, oft nur das Nötigste angedeutet. Aber gerade diese Zurückhaltung verstärkt die Wirkung. Wenn dann doch Gewalt gezeigt wird, trifft sie umso härter, weil sie nicht inszeniert, sondern fast beiläufig wirkt. Als würde die Welt selbst nichts Besonderes mehr darin sehen. Im größeren Zusammenhang wirkt dieser zweite Band wie eine Art thematische Vertiefung. Während der erste Teil vor allem von Verlust, Orientierungslosigkeit und der Sinnlosigkeit von Krieg erzählt, geht es hier stärker um Macht, Kontrolle und Ideologie. Um die Frage, wie Gewalt gerechtfertigt wird – und wie leicht Menschen in solche Systeme hineingezogen werden können. Wenn man beide Bände zusammen betrachtet, entsteht ein ziemlich düsteres Gesamtbild: eine Welt, in der es keinen klaren Ausweg gibt, keine einfachen moralischen Positionen, keine sicheren Orte. Selbst das, was wie Rettung aussieht, kann sich als neue Form von Gefangenschaft entpuppen. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – bleibt man dran. Weil The Horizon nicht nur schockieren will, sondern etwas Grundsätzliches verhandelt: Was passiert mit Menschen, wenn ihnen alles genommen wird? Und was bleibt übrig, wenn selbst Hoffnung zu etwas wird, das man nicht mehr richtig greifen kann? Der zweite Band ist dabei weniger ein klassischer „Fortsetzungsteil“ als vielmehr eine Verdichtung. Ruhiger, kontrollierter – und genau dadurch noch schwerer auszuhalten.