// strichcode vol. (4)60 – „little bird“

mit den Werk „Little Bird“. // Little Bird von Darcy Van Poelgeest und Ian Bertram ist so ein Comic, bei dem man schon nach wenigen Seiten merkt: Das hier liest man nicht einfach nur runter – man muss sich darauf einlassen. Und zwar ganz. Die Geschichte wirkt auf den ersten Blick fast archetypisch: ein unterdrücktes […]

mit den Werk „Little Bird“.

// Little Bird von Darcy Van Poelgeest und Ian Bertram ist so ein Comic, bei dem man schon nach wenigen Seiten merkt: Das hier liest man nicht einfach nur runter – man muss sich darauf einlassen. Und zwar ganz. Die Geschichte wirkt auf den ersten Blick fast archetypisch: ein unterdrücktes Volk, ein totalitäres Regime, eine junge Kämpferin, die sich dagegenstellt. Aber das täuscht. Die Welt, in der Little Bird lebt, ist keine klassische Dystopie mit klaren Fronten, sondern ein verstörend vielschichtiges Gebilde. Nordamerika ist hier zu einer religiös-fanatischen Theokratie geworden, in der ein fundamentalistisches System Macht, Gewalt und Ideologie miteinander verschränkt hat. Es geht nicht nur um politische Kontrolle, sondern um die vollständige Vereinnahmung von Identität, Körper und Glauben. Und mittendrin: Little Bird. Keine klassische Heldin, keine glatt erzählte Identifikationsfigur, sondern eher ein roher, suchender Kern in einer Welt, die ihr ständig entgleitet.

Was mich beim Lesen wirklich gepackt hat, ist diese Mischung aus Entschlossenheit und Orientierungslosigkeit. Sie kämpft – kompromisslos, fast schon blind – und gleichzeitig ist da immer dieses Gefühl, dass sie selbst noch gar nicht weiß, wer sie eigentlich ist. Ihre Reise ist nicht nur ein Aufstand gegen ein Regime, sondern auch eine Suche nach Herkunft, Wahrheit und Zugehörigkeit. Was die Reihe so besonders macht, ist die Art, wie sie erzählt wird. Die Handlung ist fragmentarisch, springt zwischen Figuren, Zeiten und Perspektiven. Es gibt keine klassischen Erklärpassagen, keine einfachen Antworten. Stattdessen setzt sich das Gesamtbild Stück für Stück zusammen – manchmal erst Seiten oder Kapitel später. Das kann irritieren, aber genau daraus entsteht diese enorme Sogwirkung. Man liest weiter, weil man verstehen will. Und weil man spürt, dass unter der Oberfläche noch viel mehr liegt. Visuell ist das Ganze schlicht überwältigend. Ian Bertrams Zeichnungen sind kein „schöner“ Comicstil im klassischen Sinne – sie sind detailverliebt, grotesk, manchmal fast schon körperlich unangenehm. Figuren wirken verzerrt, überzeichnet, gleichzeitig unglaublich lebendig. Es gibt Panels, die man länger betrachtet als man eigentlich vorhatte, weil sie so viel erzählen, ohne ein Wort zu brauchen. Unterstützt wird das durch die Farben von Matt Hollingsworth, die diese Welt gleichzeitig grell und bedrückend wirken lassen. Es ist eine Ästhetik, die sich einbrennt. Inhaltlich bewegt sich Little Bird stark in Themenfeldern wie Kolonialismus, religiösem Fanatismus und kultureller Auslöschung. Viele Leser sehen darin auch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte indigener Völker Nordamerikas – nicht als direkte Nacherzählung, sondern als düstere, verfremdete Spiegelung. Das verleiht der Geschichte eine zusätzliche Schwere, weil man merkt, dass diese Welt zwar fiktiv ist, ihre Wurzeln aber sehr real sind. Spannend wird das Ganze, wenn man die Reihe im Kontext von Precious Metal betrachtet, dem später erschienenen Prequel, das wir euch bereits ans Herz gelegt hatten. Während Little Bird selbst oft wie ein Fiebertraum wirkt – intensiv, fragmentarisch, emotional aufgeladen –, setzt Precious Metal stärker auf Kontext. Dort wird die Welt greifbarer, politischer, strukturierter. Man versteht mehr darüber, wie dieses Regime entstehen konnte, welche Mechanismen dahinterstecken und wie einzelne Figuren darin verstrickt sind. Rückblickend bekommt Little Bird dadurch noch einmal eine ganz andere Tiefe, weil vieles, was zuvor rätselhaft oder symbolisch wirkte, plötzlich zusätzliche Bedeutung bekommt. Trotzdem bleibt Little Bird das Herzstück dieser Welt. Es ist wilder, radikaler, weniger erklärend – und gerade deshalb so eindrucksvoll. Es fühlt sich nicht an wie eine klassische Comicreihe, sondern eher wie ein intensives Kunstprojekt, das Story, Bildsprache und Atmosphäre untrennbar miteinander verbindet. Was bei mir hängen geblieben ist, ist weniger eine konkrete Handlung als ein Gefühl: von Hitze, Staub, Gewalt, aber auch von Trotz und Hoffnung. Diese Idee, dass selbst in einer zerstörten Welt noch etwas wächst, noch etwas kämpft. Und dass Identität nichts Festes ist, sondern etwas, das man sich oft erst im Widerstand erarbeiten muss. Little Bird ist kein einfacher Comic. Aber genau das macht ihn so besonders.