// aufgelesen vol. (6)79 – „we love you, bunny“

mit dem Werken „We Love You, Bunny“ von Mona Awad und „Das Spiel“ von Aisling Rawle. // Wenn man Das Spiel von Aisling Rawle und We Love You, Bunny von Mona Awad zusammen liest, entsteht ein ziemlich intensiver Dialog zwischen zwei Romanen, die auf den ersten Blick ganz unterschiedlich wirken, sich aber im Kern mit […]

mit dem Werken „We Love You, Bunny“ von Mona Awad und „Das Spiel“ von Aisling Rawle.

// Wenn man Das Spiel von Aisling Rawle und We Love You, Bunny von Mona Awad zusammen liest, entsteht ein ziemlich intensiver Dialog zwischen zwei Romanen, die auf den ersten Blick ganz unterschiedlich wirken, sich aber im Kern mit denselben Abgründen beschäftigen. Beide kreisen um Gruppendynamiken, um das Bedürfnis nach Zugehörigkeit – und darum, wie schnell sich Identität auflöst, wenn man beginnt, sich an ein System anzupassen, das stärker ist als man selbst. Das Spiel wirkt zunächst zugänglicher. Das Setting ist klar, fast schon vertraut: eine künstliche Anlage, ein Wettbewerb, ein Regelwerk. Man denkt sofort an Reality-TV-Formate wie Love Island, aber auch an dystopische Szenarien wie Die Tribute von Panem. Genau mit dieser Erwartungshaltung spielt der Roman. Anfangs hat das Ganze fast etwas Verführerisches: schöne Menschen, klare Ziele, die Aussicht „zu gewinnen“. Doch je weiter man liest, desto mehr kippt dieses Setting. Die Aufgaben verlieren ihren Sinn, Beziehungen werden strategisch, Vertrauen wird zu einem Risiko. Was mich beim Lesen besonders beschäftigt hat, ist diese permanente Beobachtungssituation.

Alles wird gesehen, alles wird bewertet – und dadurch verändert sich automatisch das Verhalten der Figuren. Man spürt, wie sie anfangen, sich selbst von außen zu betrachten, sich zu inszenieren, Rollen zu übernehmen. Und irgendwann weiß man nicht mehr: Wer handelt hier noch aus echten Gefühlen – und wer nur, weil es Teil des Spiels ist?

Diese Unschärfe macht den Roman so unangenehm fesselnd. We Love You, Bunny geht einen völlig anderen Weg – und ist dabei vielleicht noch radikaler. Hier gibt es kein sichtbares Spiel, keine klaren Regeln, keine äußere Instanz, die alles steuert. Stattdessen entsteht das System von innen heraus: durch eine Clique, durch Sprache, durch Rituale. Die „Bunnys“ erschaffen sich ihre eigene Welt, ihre eigene Logik, ihre eigene Realität. Und genau das macht es so verstörend. Während Rawles Roman zeigt, wie ein künstlich geschaffenes System Menschen formt, zeigt Awad, wie Menschen selbst ein System erschaffen können, das genauso mächtig – vielleicht sogar mächtiger – ist. Die Dynamiken innerhalb der Gruppe sind dabei fast noch intensiver, weil sie emotional aufgeladen sind: Freundschaft, Bewunderung, Abhängigkeit, Konkurrenz. Alles ist übersteigert, oft grotesk, manchmal sogar absurd – und trotzdem erkennt man darin reale soziale Mechanismen wieder. Beim Lesen hatte ich bei We Love You, Bunny immer wieder das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Realität und Fantasie verschwimmen so stark, dass man sich ständig fragt, was eigentlich noch „echt“ ist. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Dass diese Unterscheidung irgendwann gar nicht mehr so wichtig ist, wenn man einmal Teil eines solchen Systems geworden ist. Was beide Bücher besonders spannend macht, ist diese Mischung aus Anziehung und Abstoßung. In beiden Fällen gibt es einen Moment, in dem man versteht, warum die Figuren bleiben. Warum sie sich anpassen. Warum sie Dinge akzeptieren, die von außen betrachtet völlig inakzeptabel sind. Es geht immer auch um Sehnsucht: nach Nähe, nach Anerkennung, nach Bedeutung. Und genau diese Sehnsucht wird ausgenutzt – einmal von außen, einmal von innen. Stilistisch könnten die Unterschiede kaum größer sein. Das Spiel ist eher kühl, präzise, fast beobachtend. Es hat etwas Kontrolliertes, das gut zu seinem Setting passt. We Love You, Bunny dagegen ist sprachlich exzessiv, verspielt, manchmal chaotisch – ein regelrechter Rausch. Und doch führen beide Wege zum gleichen Gefühl: einer wachsenden Beklemmung, die sich langsam aufbaut und irgendwann kaum noch abzuschütteln ist. Wenn man beide Bücher nebeneinander betrachtet, entsteht fast so etwas wie ein Gesamtbild: Zwei verschiedene Modelle von Macht und Manipulation. Bei Rawle ist es ein sichtbares System mit Regeln und Kontrolle. Bei Awad ein unsichtbares Geflecht aus Beziehungen, Sprache und Emotionen. Und beide stellen letztlich dieselbe Frage – nur aus unterschiedlichen Perspektiven: Wie viel von dir selbst gibst du auf, um dazuzugehören? Und merkst du überhaupt, wann du damit angefangen hast?