// spieltrieb vol. (3)43 – „abrakadabra in der sullivan street“

mit dem Werk „Abkrakadabra in der Sullivan Street“ von Mascha Kaléko. // Abrakadabra in der Sullivan Street von Mascha Kaléko ist so ein Buch, das man aufschlägt und sofort merkt: Das kommt aus einer anderen Zeit – aber nicht im Sinne von „veraltet“, sondern eher wie etwas, das sich seine eigene, zeitlose Wärme bewahrt hat. […]

mit dem Werk „Abkrakadabra in der Sullivan Street“ von Mascha Kaléko.

// Abrakadabra in der Sullivan Street von Mascha Kaléko ist so ein Buch, das man aufschlägt und sofort merkt: Das kommt aus einer anderen Zeit – aber nicht im Sinne von „veraltet“, sondern eher wie etwas, das sich seine eigene, zeitlose Wärme bewahrt hat. Schon die Ausgangssituation hat etwas unglaublich Charmantes: eine Straße, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenleben, eine kindliche Perspektive, die das alles staunend betrachtet – und dann diese kleine Verschiebung ins Fantastische, wenn Petes Vorstellungskraft plötzlich anfängt, Purzelbäume zu schlagen. Das ist kein lautes Abenteuer, kein dramatischer Plot. Es ist eher dieses leise, poetische Kippen der Wirklichkeit, das Kaléko so gut konnte. Man merkt beim Lesen sofort, dass hier eigentlich eine große Lyrikerin am Werk ist. Die Sprache ist spielerisch, rhythmisch, manchmal fast tänzelnd – selbst dann, wenn man sie einfach still liest. Es hat etwas von einem Gedicht, das sich in eine kleine Geschichte verwandelt hat. Und genau das macht den Reiz aus:

Es ist kein klassisches Kinderbuch im erzählerischen Sinne, sondern eher ein poetischer Raum, in dem man sich bewegt. Gleichzeitig steckt in dieser Leichtigkeit auch etwas sehr Ernstes – aber nie schwer. Diese Sullivan Street, in der Menschen friedlich nebeneinander leben, wirkt fast wie ein Gegenentwurf zur Welt, die Mascha Kaléko selbst erlebt hat: Exil, Verlust, Brüche. Gerade deshalb fühlt sich diese kleine Geschichte so besonders an. Sie behauptet nicht, dass alles einfach ist – aber sie zeigt, dass Zusammenleben möglich ist, wenn man es will. Die Illustrationen von Thomas Müller tragen viel dazu bei. Sie sind nicht bloß Beiwerk, sondern erweitern den Text, geben ihm Farbe, Bewegung, manchmal auch einen eigenen Witz. Man bleibt immer wieder hängen, schaut länger hin, entdeckt kleine Details, die die Geschichte noch einmal anders erzählen. Und dann ist da noch diese besondere Ebene der „Wiederentdeckung“. Dass ein Text aus dem Nachlass auftaucht, Jahrzehnte nach Kalékos Tod, gibt dem Ganzen fast etwas Magisches – als hätte die Autorin selbst noch einmal leise „Abrakadabra“ gesagt und dieses Buch in die Gegenwart geschickt. Was mir beim Lesen besonders gefallen hat: Es funktioniert wirklich für beide Seiten – Kinder und Erwachsene. Kinder können sich in die Geschichte fallen lassen, in diese Mischung aus Alltag und Fantasie. Erwachsene lesen zwischen den Zeilen noch etwas anderes mit: Nostalgie, vielleicht auch ein leises Gefühl von Verlust, aber vor allem diese Sehnsucht nach einer Welt, die ein bisschen freundlicher ist. Am Ende ist es kein großes, überwältigendes Buch – und genau das ist seine Stärke. Es ist klein, fein, poetisch und bleibt genau deshalb hängen. So ein Buch, das man nicht einfach nur einmal liest, sondern immer wieder zur Hand nimmt, weil es einen für einen Moment aus der eigenen Welt heraushebt und in etwas Leichteres, Wärmeres versetzt.