// aufgelesen vol. (6)75 – „belly up“

mit dem Werken „Der Lebenszyklus des gemeinen Oktopus“ von Emma Knight und „Belly Up“ von Rita Bullwinkel. // Wenn man Rita Bullwinkels Belly Up und Emma Knights Der Lebenszyklus des Gemeinen Oktopus nebeneinanderlegt, hat man fast das Gefühl, zwei Werke in der Hand zu halten – die auf seltsame Weise miteinander kommunizieren. Belly Up ist […]

mit dem Werken „Der Lebenszyklus des gemeinen Oktopus“ von Emma Knight und „Belly Up“ von Rita Bullwinkel.

// Wenn man Rita Bullwinkels Belly Up und Emma Knights Der Lebenszyklus des Gemeinen Oktopus nebeneinanderlegt, hat man fast das Gefühl, zwei Werke in der Hand zu halten – die auf seltsame Weise miteinander kommunizieren. Belly Up ist kein Buch, das man einfach „durchliest“. Es ist eher eines, in das man immer wieder hineinfällt. Jede Geschichte wirkt wie ein eigener kleiner Kosmos, oft nur wenige Seiten lang, aber voller Irritationen. Da verwandeln sich Körper, da kippen Situationen ins Groteske, da passieren Dinge, die man rational gar nicht mehr greifen kann. Und trotzdem fühlt sich das nie beliebig an. Im Gegenteil: Gerade diese Verschiebungen machen sichtbar, wie fragil unser Verständnis von Normalität eigentlich ist. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, dass Bullwinkel Dinge beschreibt, die man aus dem echten Leben kennt – Angst, Scham, Neugier, Gewalt, Begehren –, aber sie durch eine Art Verzerrungslinse betrachtet. Plötzlich sieht man diese Gefühle klarer, weil sie nicht mehr im Gewohnten versteckt sind.

Was mich dabei besonders beschäftigt hat: Diese Geschichten haben etwas Körperliches. Sie sind nicht nur „erzählt“, man spürt sie fast. Oft unangenehm, manchmal verstörend, aber auch mit einem schwarzen Humor, der genau im richtigen Moment aufblitzt. Es ist kein Trostbuch, aber eines, das einen wach macht.

Und dann liest man im Anschluss Der Lebenszyklus des Gemeinen Oktopus – und fühlt sich erstmal wieder auf festem Boden. Hier gibt es Figuren, denen man folgt, Orte, die man sich vorstellen kann, Beziehungen, die sich entwickeln. Pen und Alice, ihre Freundschaft, das Ankommen in Edinburgh, dieses vorsichtige Hineintasten in ein neues Leben – das ist alles viel näher an dem, was man aus klassischen Romanen kennt. Und genau darin liegt auch die Stärke des Buches: Es zieht einen nicht durch Schockmomente rein, sondern durch Nähe. Was aber schnell klar wird: Auch hier geht es um Unsicherheit, um Identität, um die Frage, wer man ist und woher man kommt. Nur eben auf sehr viel leisere Art und Weise. Pens Suche nach der Geschichte ihrer Mutter, diese Verbindung zu einem berühmten Schriftsteller, das Setting in den Highlands – das hat fast etwas Geheimnisvolles, ohne je ins Fantastische abzurutschen. Stattdessen entfaltet sich alles über Gespräche, Erinnerungen, Begegnungen. Und immer wieder diese Dynamik zwischen den Figuren: Freundschaft, erste Liebe, Abhängigkeiten, kleine Verschiebungen, die plötzlich alles verändern können. Der Titel ist dabei erstaunlich treffend. Wie ein Oktopus verzweigt sich die Geschichte in verschiedene Richtungen – Vergangenheit, Gegenwart, Beziehungen –, und man merkt erst nach und nach, wie alles zusammenhängt. Es ist ein Roman, der sich Zeit nimmt, aber genau dadurch wirkt er lange nach. Wenn man beide Bücher zusammen denkt, entsteht ein ziemlich spannendes Spannungsfeld. Belly Up ist radikal in seiner Form, fast schon anarchisch – es stellt die Realität selbst infrage. Der Lebenszyklus des Gemeinen Oktopus dagegen bleibt innerhalb dieser Realität, aber zeigt, wie komplex und vielschichtig sie trotzdem ist. Wie eine Art äußere Matrix schlingt sich Belly Up um Letzteres herum. Was mich beim Lesen beider Bücher begleitet hat, war dieses Gefühl von Übergang. Bei Bullwinkel sind es extreme, fast albtraumhafte Transformationen – Dinge verändern sich plötzlich, unwiderruflich, oft ohne Erklärung. Bei Knight sind es die stilleren Übergänge: vom Teenager ins Erwachsenenleben, von Freundschaft in etwas anderes, von Unwissen zu einem ersten, oft schmerzhaften Verstehen. Beide Bücher erzählen davon, dass Identität nichts Festes ist. Dass sie sich verschiebt, manchmal langsam, manchmal abrupt. Dass man sich selbst nicht immer versteht – und dass genau darin etwas sehr Wahrhaftiges liegt. Wenn ich ehrlich bin, würde ich Belly Up eher in kleinen Dosen lesen – eine Geschichte, dann Pause, nachdenken, vielleicht auch irritiert sein. Der Lebenszyklus des Gemeinen Oktopus dagegen ist so ein Buch, in das man sich reinfallen lassen kann, das einen über viele Seiten begleitet, fast wie eine gute Bekanntschaft. Zusammen gelesen ergänzen sie sich erstaunlich gut: Das eine fordert heraus, das andere fängt auf. Und beide zeigen auf ihre eigene Weise, wie seltsam, verletzlich und gleichzeitig faszinierend es ist, ein Mensch zu sein.