// aufgelesen vol. (6)74 – „es war nicht anders möglich“

mit dem Werken „Schattennummer“ von Thomas Pynchon und „Es war nicht anders möglich“ von Svenja Liesau. // Wenn man Es war nicht anders möglich von Svenja Liesau und Schattennummer von Thomas Pynchon nebeneinanderlegt, hat man zunächst das Gefühl, zwei völlig unterschiedliche literarische Welten zu betreten – und doch kreisen beide auf ihre eigene Weise um […]

mit dem Werken „Schattennummer“ von Thomas Pynchon und „Es war nicht anders möglich“ von Svenja Liesau.

// Wenn man Es war nicht anders möglich von Svenja Liesau und Schattennummer von Thomas Pynchon nebeneinanderlegt, hat man zunächst das Gefühl, zwei völlig unterschiedliche literarische Welten zu betreten – und doch kreisen beide auf ihre eigene Weise um ähnliche Fragen: Orientierung, Identität und das Verlieren – oder Wiederfinden – von Halt in einer Welt, die sich nicht mehr stabil anfühlt. Bei Liesau ist alles nah dran, fast unangenehm nah. Martina, diese etwas verlorene, suchende Figur, bewegt sich durch Berlin, durch Nächte, Kneipen, Gespräche, Erinnerungen – und man hat beim Lesen oft das Gefühl, direkt neben ihr zu sitzen. Der Tod ihres Vaters wirkt dabei weniger wie ein klarer Ausgangspunkt als wie ein Auslöser, der etwas ins Rutschen bringt, das schon lange instabil war. Es geht nicht um eine klassische Trauerbewältigung, sondern um ein langsames, tastendes Sich-annähern an das eigene Leben. Was den Roman so stark macht, ist diese Mischung aus Trotz und Verletzlichkeit. Martina flüchtet sich in Alkohol und Begegnungen, aber gleichzeitig sucht sie auch – nach Nähe, nach Zugehörigkeit, nach einem Gefühl von Zuhause.

Die Kneipe wird zu einem Ersatzraum für Familie, zu einem Ort, an dem sich Gestrandete treffen, die alle auf ihre Weise versuchen, weiterzumachen. Und genau darin liegt etwas sehr Wahrhaftiges: Dieses Buch behauptet nicht, Antworten zu haben. Es zeigt vielmehr, wie sich Fragen anfühlen. Ganz anders funktioniert Pynchons Roman. Schattennummer ist kein Buch, das einen sanft hineinführt – es wirft einen hinein. Was als scheinbar klassische Detektivgeschichte beginnt, entwickelt sich schnell zu einem wilden, oft absurden Geflecht aus Orten, Figuren und historischen Bezügen. Milwaukee in der Großen Depression, Europa am Vorabend politischer Katastrophen, Spione, Musiker, seltsame Zufälle – alles scheint miteinander verbunden, aber nichts wirklich greifbar. Typisch für Pynchon ist dieses Gefühl, dass die Welt größer ist, als man sie erfassen kann.

Die Handlung verzweigt sich, verliert sich, findet neue Wege, ohne je wirklich zur Ruhe zu kommen. Man liest das nicht wie eine lineare Geschichte, sondern eher wie ein System aus Andeutungen, Codes und Spiegelungen. Und oft hat man das Gefühl, dass genau dieses Verlorensein Teil der Erfahrung ist. Im direkten Vergleich wird deutlich, wie unterschiedlich beide Autoren mit ähnlichen Themen umgehen. Liesau bleibt ganz im Inneren ihrer Figur, in Emotionen, in Körperlichkeit, in unmittelbaren Erfahrungen. Pynchon dagegen öffnet den Blick nach außen, zeigt eine Welt im Umbruch, in der Individuen fast untergehen. Doch in beiden Fällen geht es um Kontrollverlust – einmal auf persönlicher, einmal auf gesellschaftlicher Ebene. Interessant ist auch, wie sich das beim Lesen anfühlt: Liesau liest sich wie ein langes, intensives Gespräch in einer Bar, manchmal chaotisch, manchmal überraschend klar, oft sehr ehrlich. Pynchon dagegen ist eher wie ein fiebriger Traum oder ein Labyrinth, in dem man sich bewusst verirrt. Beides kann anstrengend sein, aber auf unterschiedliche Weise – und beides bleibt hängen. Was beide Bücher letztlich verbindet, ist dieses Gefühl, dass es keine einfache Ordnung mehr gibt. Weder im eigenen Leben noch in der Welt. Und dass man trotzdem weitermacht. Vielleicht nicht zielgerichtet, vielleicht nicht erfolgreich, aber doch mit einer gewissen Hartnäckigkeit. Wenn man sie zusammen liest, entsteht fast so etwas wie ein Dialog: zwischen Innen und Außen, zwischen Intimität und Überforderung, zwischen dem kleinen persönlichen Chaos und dem großen, historischen. Und irgendwo dazwischen liegt diese leise, unbequeme Erkenntnis, dass beides oft näher beieinanderliegt, als man denkt.