// aufgelesen vol. (6)73 – „kala“

mit dem Werk „Kala“ von Colin Walsh. // Colin Walshs Kala ist so ein Roman, der sich langsam unter die Haut schiebt, ohne dass man es sofort merkt. Am Anfang wirkt alles fast vertraut: eine kleine irische Küstenstadt, alte Freundschaften, ein Sommer, der nie ganz vorbei ist. Aber je weiter man liest, desto mehr kippt […]

mit dem Werk „Kala“ von Colin Walsh.

// Colin Walshs Kala ist so ein Roman, der sich langsam unter die Haut schiebt, ohne dass man es sofort merkt. Am Anfang wirkt alles fast vertraut: eine kleine irische Küstenstadt, alte Freundschaften, ein Sommer, der nie ganz vorbei ist. Aber je weiter man liest, desto mehr kippt dieses Gefühl – und plötzlich steckt man mitten in einer Geschichte, die weniger Krimi als vielmehr ein schonungsloses Erinnern ist. Im Zentrum steht diese Clique um Kala, die mehr ist als nur eine Freundin – sie ist so etwas wie der emotionale Mittelpunkt, das Gravitationszentrum, um das sich alles dreht. Dieses Motiv kennt man vielleicht aus anderen Coming-of-Age-Geschichten: eine Figur, die größer wirkt als das Leben selbst, charismatisch, unberechenbar, fast mythisch. Und genau deshalb ist ihr Verschwinden so verstörend – weil mit ihr nicht nur ein Mensch verschwindet, sondern eine ganze Lebensphase, ein Gefühl von Unbesiegbarkeit. Was ich besonders stark fand: Der Roman interessiert sich gar nicht so sehr für die Frage „Wer war’s?“ im klassischen Sinne. Stattdessen geht es um etwas viel Unangenehmeres – nämlich darum, wie Erinnerungen funktionieren.

Wie man sich Dinge schönredet, verdrängt, umdeutet. Die Figuren – Helen, Joe, Mush – sind längst erwachsen, aber sobald sie wieder in Kinlough sind, fallen sie zurück in alte Muster. Man merkt richtig, wie Vergangenheit kein abgeschlossener Raum ist, sondern etwas, das jederzeit wieder aufbrechen kann. Diese Struktur, in der Gegenwart und Vergangenheit ineinander greifen, erzeugt eine ganz eigene Spannung. Es ist kein Thriller, der dich mit Cliffhangern durchpeitscht, sondern eher ein Sog: Du willst verstehen, was damals wirklich passiert ist – und gleichzeitig ahnst du, dass die Wahrheit nicht befreiend sein wird. Eher im Gegenteil. Auch sprachlich hat das etwas sehr Atmosphärisches. Diese Küstenlandschaft, das Wetter, die Enge der Kleinstadt – das ist nicht nur Kulisse, sondern fast ein eigener Charakter. Alles wirkt ein bisschen feucht, grau, durchzogen von Erinnerungen. Und mittendrin diese Figuren, die versuchen, mit sich selbst klarzukommen, während sie gleichzeitig merken, dass sie sich vielleicht nie wirklich gekannt haben. Spannend ist auch der Vergleich, der oft gezogen wird – zu Autorinnen wie Tana French oder Donna Tartt. Das passt tatsächlich, aber Kala fühlt sich trotzdem eigen an. Es hat diese Mischung aus literarischem Anspruch und erzählerischer Sogwirkung, ohne je geschniegelt oder konstruiert zu wirken. Es ist roh an manchen Stellen, emotional offen – und gerade deshalb so glaubwürdig. Was bei mir hängen geblieben ist, ist weniger die Auflösung als das Gefühl danach: diese leise Beklemmung, dieses Nachdenken über Freundschaft, Schuld und darüber, wie sehr einen die eigene Vergangenheit prägt. Kala ist kein Buch, das man einfach „durchliest“ und dann abhakt. Es bleibt. Und es stellt Fragen, auf die man vielleicht gar keine eindeutigen Antworten haben will.