mit dem Werk „Die Riesinnen“ von Hannah Häffner.

// Die Riesinnen von Hannah Häffner hat mich sofort gepackt, weil es diesen ganz eigenen Ton trifft – rau und poetisch zugleich, als würde jemand eine Familiengeschichte nicht einfach erzählen, sondern aus der Erde herausgraben. Schon die ersten Bilder bleiben hängen: diese Frauen, die zu groß sind für ihr Dorf, zu auffällig, zu wenig passend – und genau daraus entsteht eine Spannung, die sich durch den ganzen Roman zieht. Im Zentrum stehen drei Generationen: Liese, Cora und Eva. Was sie verbindet, ist nicht nur ihre Herkunft, sondern auch dieses Gefühl, nie ganz dazuzugehören. Ihr Körper wird zum sichtbaren Zeichen dafür – dieses „Zu-groß-Sein“ ist nicht nur physisch gemeint, sondern auch sozial, emotional, fast existenziell. Sie ragen heraus, und das macht sie angreifbar, aber auch eigenwillig stark. Liese wirkt dabei wie eine Figur aus einer anderen Zeit: hart, kontrolliert, fast unbeweglich. Ihre Stärke ist etwas, das sie sich erarbeitet hat, vielleicht auch erarbeiten musste, um in dieser dörflichen Enge bestehen zu können. Cora dagegen ist diejenige, die ausbricht – wütend, unruhig, voller Energie.
Aber was der Roman sehr klug zeigt: Weggehen ist nicht automatisch Befreiung. Die Vergangenheit bleibt, und irgendwann stellt sich die Frage, ob Rückkehr wirklich ein Scheitern ist oder vielleicht etwas anderes. Und dann ist da Eva, die dritte Generation, die leiser wirkt, fast suchend – und deren Verbindung zur Natur eine ganz eigene Dimension hineinbringt. Der Schwarzwald ist dabei mehr als nur Kulisse. Er ist fast eine eigene Figur: dicht, dunkel, lebendig. Der Wald steht für etwas Ursprüngliches, für Kontinuität, vielleicht auch für eine Art Gegenwelt zu den sozialen Erwartungen des Dorfes. Gerade bei Eva wird das spürbar – als würde sie dort etwas finden, das außerhalb der familiären und gesellschaftlichen Zuschreibungen liegt. Was mich besonders beeindruckt hat, ist, wie Häffner diese drei Frauen nicht gegeneinander ausspielt, sondern miteinander verwebt. Es gibt Konflikte, Brüche, Missverständnisse – klar. Aber gleichzeitig entsteht so etwas wie eine stille Linie, die sich durch die Generationen zieht. Man versteht, warum die eine so geworden ist, warum die andere anders reagiert. Es ist kein einfaches „Die nächste macht es besser“, sondern eher ein Weitergeben von Erfahrungen, Verletzungen und Möglichkeiten. Sprachlich hat das Buch eine Wucht, die manchmal fast körperlich wird. Es gibt Passagen, die sehr dicht sind, fast drängend, und dann wieder solche, die ganz ruhig werden. Diese Mischung passt perfekt zu den Figuren: viel unterdrückte Energie, die sich nur gelegentlich Bahn bricht. Was am Ende hängen bleibt, ist dieses Spannungsfeld zwischen Herkunft und Selbstbestimmung. Wie weit kann man sich lösen von dem, wo man herkommt? Und was bleibt trotzdem immer Teil von einem? Die Riesinnen gibt darauf keine einfachen Antworten, aber es macht spürbar, wie komplex diese Fragen sind – und wie viel Kraft darin steckt, sich ihnen überhaupt zu stellen.
UND WAS NUN?