mit der neuen Vinyl-LP von dEUS (30th Anniversary Edition von „In A Bar, Under The Sea“).

// Die 30th-Anniversary-Ausgabe von In A Bar, Under The Sea ist nicht nur eine Würdigung eines einzelnen Albums, sondern eigentlich eine Erinnerung daran, wie besonders diese Band in der europäischen Musiklandschaft immer war. dEUS sind nie einfach nur „eine Indie-Rock-Band“ gewesen – sie waren von Anfang an ein Kollektiv, das sich bewusst jeder klaren Schublade entzogen hat. Gegründet Ende der 80er in Antwerpen, entstanden dEUS aus einer Szene heraus, die stark von Kunst, Film und experimenteller Musik geprägt war. Viele Mitglieder hatten Hintergründe, die über klassische Rockbiografien hinausgingen – das merkt man ihrer Musik bis heute an. Statt klarer Strukturen oder eingängiger Formeln steht bei ihnen oft das Fragment, das Offene, das Unfertige im Mittelpunkt. Und genau das macht In A Bar, Under The Sea zu einem so zentralen Werk in ihrer Diskografie. Dieses Album markiert eine Phase, in der die Band ihre Identität voll ausformuliert. Nach dem bereits eigenwilligen Debüt wird hier alles größer, mutiger, manchmal auch widersprüchlicher. Die Songs wirken wie kleine Experimente: Ideen werden ausprobiert, wieder verworfen, neu kombiniert.
Es gibt keine Angst vor Brüchen – im Gegenteil, diese Brüche sind Teil des Konzepts. Ein Stück kann verspielt beginnen, dann plötzlich in Lärm kippen, um sich schließlich in einer fast zarten Melodie aufzulösen. Gerade Frontmann Tom Barman prägt diesen Ansatz stark. Seine Art zu schreiben und zu singen ist nie eindeutig – oft ironisch gebrochen, manchmal fast distanziert, dann wieder überraschend emotional. Diese Ambivalenz zieht sich durch das gesamte Album und passt perfekt zu der Musik, die sich ebenfalls nie festlegen will. Was dEUS dabei von vielen anderen Bands ihrer Zeit unterscheidet, ist ihr Umgang mit Einflüssen. Statt sich an einem bestimmten Stil zu orientieren, nehmen sie sich aus ganz unterschiedlichen Richtungen, was sie interessiert: avantgardistische Rockexperimente, Jazz-Strukturen, klassische Songwriter-Momente. Diese Elemente werden nicht sauber voneinander getrennt, sondern bewusst ineinander verschoben. Das Ergebnis ist ein Sound, der gleichzeitig zugänglich und sperrig ist. In A Bar, Under The Sea ist dabei vielleicht ihr repräsentativstes Album, weil es genau diese Offenheit auf den Punkt bringt. Es klingt wie eine Band, die sich selbst beim Denken zuhört – die ausprobiert, scheitert, neu ansetzt und dabei immer wieder überraschende Lösungen findet. Diese kreative Unruhe ist kein Mangel an Fokus, sondern ihre eigentliche Stärke. Die Neuauflage als Triple-LP im aufwendig gestalteten Gatefold unterstreicht diesen Anspruch. Das Format passt zu einem Album, das Raum braucht – nicht nur akustisch, sondern auch physisch. Die zusätzlichen Demos und Alternativversionen sind dabei mehr als bloßes Bonusmaterial: Sie zeigen, wie sehr dieser Sound aus Prozessen entstanden ist. Man hört Skizzen, Rohfassungen, Umwege – und versteht dadurch besser, wie ungewöhnlich das fertige Ergebnis eigentlich ist. Spannend ist auch, wie stark dieses Album nachwirkt. Viele Bands, die heute als genreübergreifend oder experimentell gelten, bewegen sich auf einem Terrain, das dEUS schon damals mitgeprägt haben. Gerade diese Mischung aus Intellektualität und emotionaler Offenheit, aus Chaos und Struktur, wirkt heute fast zeitgemäßer denn je. Und trotzdem bleibt In A Bar, Under The Sea ein eigenwilliges Werk. Es will nicht gefallen, zumindest nicht im klassischen Sinne. Es fordert Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf etwas Unberechenbares einzulassen. Wer das tut, entdeckt ein Album, das auch nach 30 Jahren noch lebendig wirkt – nicht wie ein abgeschlossenes Kapitel, sondern wie ein offener Denkprozess, der weitergeht.
UND WAS NUN?