// presswerke vol. (3)02 – „electric love“

mit der neuen Vinyl-LP von Brother Wallace. // Mit „Electric Love“ legt Brother Wallace ein Debüt vor, das sich anfühlt, als wäre dieser Künstler schon seit Jahrzehnten Teil der großen Soul-Tradition. Tatsächlich ist genau das die Stärke dieses Albums: Es klingt nicht wie eine kalkulierte Retro-Übung, sondern wie das Werk eines Musikers, der Gospel, Southern […]

mit der neuen Vinyl-LP von Brother Wallace.

// Mit „Electric Love“ legt Brother Wallace ein Debüt vor, das sich anfühlt, als wäre dieser Künstler schon seit Jahrzehnten Teil der großen Soul-Tradition. Tatsächlich ist genau das die Stärke dieses Albums: Es klingt nicht wie eine kalkulierte Retro-Übung, sondern wie das Werk eines Musikers, der Gospel, Southern Soul, Rhythm & Blues und modernen Groove so tief verinnerlicht hat, dass daraus etwas vollkommen Eigenes entsteht. Schon die ersten Takte machen klar, warum um Brother Wallace derzeit so viel Aufmerksamkeit entsteht – hier singt jemand mit echter Lebenserfahrung, mit rauer Wärme, mit Leidenschaft und einem Gefühl für Dynamik, das heute selten geworden ist. Der aus Georgia stammende Sänger und Pianist bringt seine musikalischen Wurzeln hörbar mit. Gospel und Kirchenmusik sind in vielen Momenten spürbar, nicht als stilistische Dekoration, sondern als emotionales Fundament. Gleichzeitig besitzt „Electric Love“ eine enorme körperliche Energie: Bläser schieben die Songs nach vorne, die Rhythmusgruppe groovt schwer und organisch, und über allem liegt Wallace’ Stimme, die mal kraftvoll und fast predigend klingt, dann wieder verletzlich und intim wird. Gerade diese Wechsel machen das Album so stark.

Es ist Soulmusik, die nicht geschniegelt oder sagen wir geschniegelt-modern wirken möchte, sondern direkt aus dem Bauch kommt. Produziert wurde das Album von Dan Taylor von The Heavy, was man dem Sound deutlich anhört. Die Stücke haben Druck, Tiefe und Wärme zugleich. Die Aufnahmen in Peter Gabriels legendären Real World Studios verleihen dem Album zusätzlich eine bemerkenswerte Räumlichkeit. Besonders auf Vinyl kommt das hervorragend zur Geltung: warme Basslinien, detailreiche Bläserarrangements und Wallace’ Stimme mit all ihren kleinen Brüchen und Nuancen. Die LP im hochwertigen Gatefold-Cover passt deshalb perfekt zu diesem Album, weil „Electric Love“ genau jene Art von Platte ist, die man bewusst auflegt, in voller Länge hört und dabei das Artwork ebenso genießt wie die Musik selbst. Songs wie „Who’s That?“ oder „Who Do You Love?“ besitzen die Direktheit großer Soul-Singles der Sechziger- und Siebzigerjahre, wirken aber nie nostalgisch. Stattdessen schimmert immer wieder ein zeitgenössischer Groove durch, manchmal fast mit Funk- oder Indie-Soul-Einschlag. In ruhigeren Momenten wie „Gone With The Wind“ zeigt Wallace dagegen seine introspektive Seite. Hier wird das Album beinahe melancholisch, ohne jemals seine Wärme zu verlieren. Besonders beeindruckend ist, wie glaubwürdig Brother Wallace emotionale Themen transportiert. Herzschmerz, Selbstzweifel, Hoffnung, Sehnsucht – all das wird nicht pathetisch ausgestellt, sondern mit einer bemerkenswerten Ehrlichkeit erzählt. Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität dieses Debüts: „Electric Love“ will nicht cool wirken, sondern menschlich. Dadurch entsteht eine Intensität, die man heute selbst im Soul-Genre nicht mehr selbstverständlich findet. Auch die Geschichte hinter Brother Wallace macht dieses Album spannend. Viele Jahre arbeitete er als Musikpädagoge und Chorleiter, bevor er nun diesen späten, aber umso eindrucksvolleren Durchbruch erlebt. Das hört man den Songs an: Sie tragen Erfahrung in sich, Geduld und musikalische Reife. „Electric Love“ klingt deshalb weniger wie ein Debüt als wie die Ankunft eines Künstlers, der lange seinen eigenen Weg gesucht hat und ihn nun gefunden hat. Diese Musik lebt vom bewussten Hören, vom Eintauchen in Arrangements, Stimmen und Atmosphäre. „Electric Love“ ist keine Playlist-Musik für nebenbei, sondern ein Soul-Album im besten Sinn: groß, emotional, handgemacht und voller Persönlichkeit.