// presswerke vol. (3)01 – „luck of life“

mit der neuen Vinyl-LP von Arlo Parks. // Ambiguous Desire von Arlo Parks fühlt sich beim Hören an wie ein leiser, aber spürbarer Schritt in eine neue Phase – nicht radikal anders, aber deutlich selbstbewusster. Wenn man ihre früheren Arbeiten im Kopf hat, merkt man sofort: Diese Stimme ist noch da, dieses feine Gespür für […]

mit der neuen Vinyl-LP von Arlo Parks.

// Ambiguous Desire von Arlo Parks fühlt sich beim Hören an wie ein leiser, aber spürbarer Schritt in eine neue Phase – nicht radikal anders, aber deutlich selbstbewusster. Wenn man ihre früheren Arbeiten im Kopf hat, merkt man sofort: Diese Stimme ist noch da, dieses feine Gespür für Zwischenmenschliches, für kleine, oft übersehene Gefühle. Aber sie steht jetzt in einem anderen Raum. Einem größeren, offeneren, manchmal auch kälteren Raum. Was sich als Erstes verändert hat, ist die Bewegung in der Musik. Früher war vieles eher nach innen gerichtet, fast wie ein Rückzugsort. Hier hingegen gibt es immer wieder dieses Gefühl von Vorwärtsdrang. Beats, die tragen, manchmal sogar treiben, ohne je dominant zu werden. Es ist kein klassisches „Dance-Album“, aber es hat diese unterschwellige Energie, die einen nicht still sitzen lässt. Eher so, als würde man durch eine Nacht gehen, in der alles möglich scheint, aber nichts ganz greifbar ist. Und genau darin liegt auch die thematische Klammer: dieses „ambiguous“, dieses Uneindeutige.

Es geht ständig um Zustände, die nicht klar sind. Beziehungen, die weder ganz gut noch ganz zerstörerisch sind. Sehnsucht, die gleichzeitig anzieht und verunsichert. Identität als etwas, das sich verschiebt, je nachdem, wo man ist und mit wem. Arlo Parks beschreibt das nicht abstrakt, sondern ganz konkret – in Momenten, Blicken, kleinen Szenen. „Get Go“ hat zum Beispiel dieses fast körperliche Gefühl von Aufbruch – als würde man sich bewusst in etwas hineinbegeben, von dem man weiß, dass es kompliziert wird. „Beams“ dagegen wirkt wie ein Gegenpol: langsamer, weicher, fast heilend, aber ohne einfache Lösungen. Und „Senses“, gerade durch die Zusammenarbeit mit Sampha, öffnet nochmal eine tiefere Ebene, in der es um emotionale Abhängigkeiten und Selbstverlust geht. Was dabei besonders auffällt: Die Texte sind nach wie vor das Zentrum. Selbst wenn die Produktion größer, vielschichtiger wird, bleibt diese Intimität bestehen. Arlo Parks schreibt nicht über große abstrakte Themen, sondern über konkrete Gefühle, die man sofort erkennt, auch wenn man sie selbst vielleicht nie so benannt hätte. Dieses „Ich kenne dieses Gefühl, aber ich hätte es nie so sagen können“ zieht sich durch das ganze Album. Klanglich ist das Album dabei erstaunlich vielseitig, ohne auseinanderzufallen. Es gibt Einflüsse aus elektronischer Musik, aus Indie, aus Soul – manchmal hört man fast Club-Referenzen heraus, dann wieder etwas ganz Ruhiges, fast Meditatives. Diese Mischung wirkt nie wie ein Experiment um des Experiments willen, sondern eher wie ein natürlicher Ausdruck dessen, wo sie gerade steht. Auf Vinyl bekommt das Ganze nochmal eine zusätzliche Ebene. Das Gatefold-Cover, der Beileger, dieses Mirror-Inlay, in dem man sich selbst spiegelt – das ist mehr als ein nettes Extra. Es passt inhaltlich erstaunlich gut. Dieses Album kreist stark um Selbstwahrnehmung, um das Sich-selbst-Beobachten, um die Frage, wie man sich in Beziehungen verliert oder wiederfindet. Dass man beim Hören buchstäblich sein eigenes Spiegelbild sieht, verstärkt dieses Thema fast spielerisch. Auch die Struktur des Albums wirkt auf Platte besonders stimmig. Seite A zieht einen eher in diese bewegte, nächtliche Energie hinein, während Seite B oft etwas offener, reflektierter wird. Es ist kein harter Bruch, eher ein langsames Verschieben der Stimmung – so, wie eine Nacht irgendwann in einen stilleren Moment übergeht. Am Ende bleibt vor allem ein Gefühl von Ehrlichkeit. Ambiguous Desire versucht nicht, Dinge glattzuziehen oder aufzulösen. Es hält Spannungen aus, lässt Fragen stehen, zeigt Widersprüche. Und genau dadurch wirkt es so nahbar. Es ist ein Album für Momente, in denen man selbst nicht genau weiß, wo man steht – und vielleicht auch gar nicht sofort wissen will.