// strichcode vol. (4)62 – „black paradox“

mit dem Werken „Königin der 1000 Jahre“ von Leiji Matsumoto und „Black Paradox“ von Junji Ito. // Wenn man Black Paradox von Junji Ito und Königin der 1000 Jahre von Leiji Matsumoto zusammen liest, hat man zunächst das Gefühl, zwei komplett unterschiedliche Erzähltraditionen vor sich zu haben – hier der verstörende, intime Horror, der sich […]

mit dem Werken „Königin der 1000 Jahre“ von Leiji Matsumoto und „Black Paradox“ von Junji Ito.

// Wenn man Black Paradox von Junji Ito und Königin der 1000 Jahre von Leiji Matsumoto zusammen liest, hat man zunächst das Gefühl, zwei komplett unterschiedliche Erzähltraditionen vor sich zu haben – hier der verstörende, intime Horror, der sich tief ins eigene Unbehagen frisst, dort die große, epische Science-Fiction mit kosmischen Dimensionen. Und trotzdem berühren sich diese beiden Werke an einem überraschenden Punkt: Beide erzählen von Begegnungen mit dem Unbegreiflichen – und davon, wie fragile menschliche Realität eigentlich ist. Black Paradox ist dabei der deutlich unbequemere Einstieg. Vier Menschen, die sich über eine Website verabreden, um gemeinsam aus dem Leben zu scheiden – das ist schon ein harter Ausgangspunkt. Aber Junji Ito wäre nicht Junji Ito, wenn es dabei bliebe. Der gescheiterte Suizidversuch öffnet nicht etwa zurück ins Leben, sondern in etwas völlig Fremdes.

Dieses gleißende Licht, dieses seltsame Mineral, diese Ahnung einer anderen Welt – all das wirkt nicht wie eine „Entdeckung“, sondern wie ein Riss. Was den Manga so intensiv macht, ist diese schleichende Verschiebung. Anfangs geht es noch um persönliche Verzweiflung, um Isolation, um die Frage, warum diese vier Menschen überhaupt an diesem Punkt gelandet sind. Doch dann kippt alles ins Surreale. Doppelgänger tauchen auf, Identitäten beginnen zu bröckeln, Realität wird unzuverlässig. Und irgendwann merkt man, dass es gar nicht mehr um die Figuren allein geht, sondern um etwas Größeres: um die Idee, dass unsere Welt vielleicht nur eine dünne Schicht ist, unter der etwas völlig anderes liegt. Dabei arbeitet Ito weniger mit klassischen Schockmomenten als mit einem Gefühl von stetigem Unbehagen.

Seine Bilder bleiben hängen, weil sie nicht nur „gruselig“ sind, sondern etwas Grundsätzliches irritieren. Körper, Identität, Bewusstsein – nichts ist stabil. Und genau das macht Black Paradox so wirkungsvoll: Es ist nicht einfach eine Horrorgeschichte, sondern eher eine philosophische Verstörung in Bildern. Königin der 1000 Jahre geht einen ganz anderen Weg, wirkt auf den ersten Blick fast klassisch. Ein Junge entdeckt einen fremden Planeten, der auf Kollisionskurs mit der Erde ist – das ist ein vertrautes Science-Fiction-Motiv. Doch auch hier steckt mehr dahinter. Denn bei Leiji Matsumoto ist Science-Fiction selten nur Technik oder Abenteuer, sondern immer auch Schicksal, Zeit und eine gewisse Melancholie. Schon früh merkt man, dass es nicht nur um die drohende Katastrophe geht, sondern um eine größere Ordnung, die sich langsam offenbart. Die geheimnisvolle Organisation, die rätselhafte Königin, die Verbindung zwischen Erde und Kosmos – all das entfaltet sich Schritt für Schritt und erzeugt dieses typische Gefühl von Weite, das Matsumotos Werke auszeichnet. Im Gegensatz zu Ito, der den Blick nach innen richtet und das Grauen im Zerfall der eigenen Wahrnehmung findet, richtet Matsumoto den Blick nach außen. Sein Universum ist groß, fast überwältigend, und der Mensch wirkt darin klein, beinahe verloren. Und doch liegt genau darin auch etwas Tröstliches: Die Figuren sind Teil von etwas Größerem, eingebunden in eine Geschichte, die über sie hinausgeht. Wenn man beide Werke nebeneinanderlegt, entsteht ein spannender Kontrast. Black Paradox zeigt, wie Realität sich auflöst, wenn man zu tief in sich selbst blickt – wenn man an die Grenzen der eigenen Existenz stößt. Königin der 1000 Jahre zeigt, wie klein diese Existenz wird, wenn man sie ins Verhältnis zum Universum setzt. Der eine Manga ist eng, verstörend, fast klaustrophobisch. Der andere weit, episch, von einer leisen Tragik durchzogen. Und doch geht es in beiden Fällen um Kontrollverlust. Bei Ito verliert man die Kontrolle über sich selbst, über den eigenen Körper, über die eigene Identität. Bei Matsumoto verliert man die Kontrolle über die Welt, über die Zukunft, über das Schicksal der gesamten Erde. Was beide Werke letztlich verbindet, ist dieses Gefühl, dass der Mensch nicht im Zentrum steht – auch wenn er sich gerne so sieht. Es gibt Kräfte, Zusammenhänge, Realitäten, die sich unserer Kontrolle entziehen. Und die Begegnung mit ihnen verändert alles. Beim Lesen bleibt dadurch ein merkwürdiger Nachhall: Bei Black Paradox eher ein Unbehagen, ein leises Frösteln, das man nicht ganz abschütteln kann. Bei Königin der 1000 Jahre eher ein Staunen, vielleicht auch eine Melancholie angesichts der Größe des Ganzen. Zwei völlig unterschiedliche Leseerfahrungen – aber beide mit dem gleichen Kern: der Erkenntnis, dass unsere Wirklichkeit vielleicht viel fragiler ist, als wir glauben.