// aufgelesen vol. (6)83 – „outback killers“

mit den neuen Werken von Kae Tempest und Candice Fox. // Wenn man Ein Leben lang gesucht von Kae Tempest und Outback Killers von Candice Fox nebeneinanderlegt, wirkt das zunächst wie ein Zusammenstoß zweier völlig unterschiedlicher literarischer Welten – hier ein ruhiger, sprachgetriebener Roman über Identität und innere Heilung, dort ein gnadenloser, atemloser Thriller, der […]

mit den neuen Werken von Kae Tempest und Candice Fox.

// Wenn man Ein Leben lang gesucht von Kae Tempest und Outback Killers von Candice Fox nebeneinanderlegt, wirkt das zunächst wie ein Zusammenstoß zweier völlig unterschiedlicher literarischer Welten – hier ein ruhiger, sprachgetriebener Roman über Identität und innere Heilung, dort ein gnadenloser, atemloser Thriller, der seine Figuren durch eine physische Extremsituation jagt. Und doch verbindet diese beiden Bücher mehr, als man auf den ersten Blick denkt: Beide erzählen von Menschen, die gezwungen sind, sich ihrer Vergangenheit zu stellen – nur unter völlig unterschiedlichen Bedingungen. Bei Kae Tempest beginnt alles leise. Rothko kehrt zurück nach Edgecliff, an einen Ort, der weniger geografischer Punkt als emotionales Schlachtfeld ist. Diese Rückkehr ist kein großes Ereignis, sondern eher ein langsames Wieder-Eintauchen. Erinnerungen sind überall – in Straßenecken, in Blicken, in kleinen Details. Tempest schreibt das nicht aus der Distanz, sondern sehr nah dran, fast wie ein innerer Monolog, der sich immer wieder öffnet. Man merkt sofort, dass Tempest aus der Lyrik und Spoken-Word-Szene kommt.

Die Sprache hat Rhythmus, sie fließt, sie trägt Emotionen direkt. Es geht weniger um Handlung als um Zustände: Angst, Sehnsucht, Scham, Hoffnung. Und vor allem um die Frage, ob man sich selbst verändern kann – oder ob man immer wieder in alte Muster zurückgezogen wird. Die Beziehung zu Dionne, die Erinnerung an die Familie, dieses Gefühl, gesehen zu werden oder eben nicht – all das wirkt intensiv, manchmal fast schmerzhaft ehrlich. Im Kern ist das ein Roman über Verletzlichkeit. Darüber, was passiert, wenn man sich dem stellt, was man lange verdrängt hat. Und darüber, wie schwer – aber auch wie notwendig – es ist, sich selbst und anderen zu vergeben. Outback Killers geht genau in die entgegengesetzte Richtung – zumindest formal.

Hier gibt es keine ruhige Rückkehr, sondern sofort Bewegung. Eine staubige Straße, ein scheinbar harmloser Moment – jemand nimmt eine Anhalterin mit – und plötzlich kippt alles. Der Roman zieht das Tempo sofort an und lässt kaum Luft zum Durchatmen. Candice Fox arbeitet mit klaren, harten Schnitten. Jede Szene treibt die nächste voran, jede Entscheidung hat unmittelbare Konsequenzen. Die Situation mit den Sprengstoffwesten ist dabei mehr als nur ein Thriller-Gimmick – sie wird zum Symbol für den totalen Kontrollverlust. Die Figuren sind gezwungen zu handeln, sie haben keine Zeit für Reflexion, keine Möglichkeit, innezuhalten. Und trotzdem geht es auch hier um Vergangenheit. Harvey wird nicht zufällig ins Visier genommen – es gibt eine Geschichte, eine Schuld, eine Rechnung, die offen ist. Während Tempest diese Vergangenheit langsam freilegt, zwingt Fox ihre Figuren, sich ihr unter maximalem Druck zu stellen. Der spannendste Kontrast entsteht genau hier: Tempest zeigt, wie Veränderung von innen heraus möglich wird – durch Erinnerung, durch Auseinandersetzung, durch das vorsichtige Wiederzulassen von Nähe. Fox zeigt, wie Menschen reagieren, wenn ihnen jede Kontrolle entzogen wird – wenn sie nur noch funktionieren können, um zu überleben. Auch die Räume könnten unterschiedlicher kaum sein: Edgecliff wirkt eng, fast klaustrophobisch in seiner emotionalen Dichte, obwohl es eine Küstenstadt ist. Das australische Outback dagegen ist weit, offen, scheinbar grenzenlos – und gerade deshalb so bedrohlich, weil es keinen Schutz bietet. Zwei Extreme, die beide auf ihre Weise isolieren. Und doch geht es in beiden Büchern um dieselbe grundlegende Frage: Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn er an seine Grenzen kommt? Bei Tempest sind es die inneren Grenzen – Angst, Trauma, Identität. Bei Fox die äußeren – Gewalt, Zeitdruck, Lebensgefahr. Am Ende liest man diese beiden Bücher völlig unterschiedlich: Das eine langsam, nachdenklich, fast tastend. Das andere schnell, angespannt, mit pochendem Puls. Aber beide hinterlassen etwas Ähnliches: das Gefühl, dass man Menschen erst wirklich versteht, wenn sie gezwungen sind, sich selbst zu begegnen – ob im Stillstand oder im Ausnahmezustand.