// aufgelesen vol. (6)82 – „unten leben“

mit dem Werk „Unten leben“ von Gustavo Faverón Patriau. // Unten leben von Gustavo Faverón Patriau ist eines dieser Bücher, bei denen man relativ schnell merkt: Das wird kein geradliniger Roman, sondern ein Labyrinth. Und je weiter man hineingeht, desto klarer wird, dass genau darin seine enorme Kraft liegt. Ausgangspunkt ist dieser verstörende Moment in […]

mit dem Werk „Unten leben“ von Gustavo Faverón Patriau.

// Unten leben von Gustavo Faverón Patriau ist eines dieser Bücher, bei denen man relativ schnell merkt: Das wird kein geradliniger Roman, sondern ein Labyrinth. Und je weiter man hineingeht, desto klarer wird, dass genau darin seine enorme Kraft liegt. Ausgangspunkt ist dieser verstörende Moment in Peru – ein Mord im Keller, verknüpft mit der realen Festnahme des Anführers von Sendero Luminoso. Schon hier beginnt das Buch, Realität und Fiktion ineinander zu schieben. Aber anstatt diesen Fall einfach aufzuklären, zieht Faverón die Erzählung auseinander, in alle Richtungen, über Jahrzehnte hinweg. Vergangenheit und Zukunft greifen ineinander, Figuren tauchen in anderen Kontexten wieder auf, Zusammenhänge werden angedeutet, verschoben, neu zusammengesetzt. Beim Lesen fühlt sich das oft an, als würde man sich durch unterirdische Gänge bewegen – passend zum Titel.

Dieses „Unten“ ist nicht nur ein Ort, sondern eine Idee: das Verborgene, das Verdrängte, das, was unter der offiziellen Geschichte liegt. Und genau dorthin führt der Roman immer wieder zurück. In Katakomben, Gefängnisse, geheime Archive, aber auch in die dunkleren Schichten von Erinnerung und Identität. Was dabei beeindruckt, ist die enorme Bandbreite. Unten leben ist gleichzeitig Kriminalgeschichte, Horrorroman, politischer Roman und literarisches Spiel. Es gibt Momente, die fast grotesk wirken, dann wieder Passagen, die tief verstörend sind, und plötzlich blitzt ein schräger, fast quichotesker Humor auf. Diese Mischung könnte leicht auseinanderfallen, aber hier hält sie zusammen, weil alles von dieser Grundidee getragen wird: dass Geschichte kein geordnetes Narrativ ist, sondern ein Geflecht aus Gewalt, Zufall und Geschichten, die sich gegenseitig überlagern. Man merkt auch, dass Faverón nicht nur Romanautor, sondern Literaturwissenschaftler ist. Überall stecken Anspielungen, Verweise, Spiegelungen. Figuren wirken manchmal wie aus anderen Texten herübergeholt, Situationen erinnern an klassische Motive – und doch bleibt das Ganze eigenständig. Es ist kein intellektuelles Spiel um seiner selbst willen, sondern eher der Versuch, die Welt in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zu erfassen. Besonders stark ist, wie der Roman das Grauen nicht isoliert darstellt. Es geht nicht um einzelne schockierende Ereignisse, sondern um Strukturen – politische Gewalt, ideologische Verblendung, historische Traumata. Lateinamerika steht dabei im Zentrum, aber die Erzählung weitet sich immer wieder aus, verbindet Kontinente, Zeiten, Perspektiven. Dadurch entsteht dieses Gefühl, dass das „Unten“ überall ist, nicht nur geografisch, sondern auch gesellschaftlich und psychologisch. Die Auszeichnung mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2026 in der Kategorie Übersetzung passt deshalb sehr gut, weil gerade die deutsche Fassung diese komplexe Struktur erstaunlich zugänglich macht. Man spürt, wie viel Feinarbeit darin steckt, diesen vielstimmigen, oft verschachtelten Text so zu übertragen, dass er seine Energie behält. Am Ende bleibt ein Roman, der einen nicht einfach loslässt. Nicht, weil man jede Einzelheit verstanden hätte – im Gegenteil. Sondern weil dieses Gefühl bleibt, dass unter jeder Geschichte noch eine andere liegt. Und darunter noch eine. Unten leben ist kein Buch, das Antworten gibt. Es ist eines, das zeigt, wie tief die Fragen eigentlich gehen.