// aufgelesen vol. (6)81 – „eine andere geschichte“

mit den Werken „Entzug“ von Christoph Peters und „Eine andere Geschichte“ von Charles Lewinsky. // Wenn man Entzug von Christoph Peters und Eine andere Geschichte von Charles Lewinsky zusammen liest, begegnet man zwei Romanen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Erinnerung, Selbsttäuschung und der Frage beschäftigen, wie ein Leben eigentlich erzählt wird – und […]

mit den Werken „Entzug“ von Christoph Peters und „Eine andere Geschichte“ von Charles Lewinsky.

// Wenn man Entzug von Christoph Peters und Eine andere Geschichte von Charles Lewinsky zusammen liest, begegnet man zwei Romanen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Erinnerung, Selbsttäuschung und der Frage beschäftigen, wie ein Leben eigentlich erzählt wird – und ob man sich dabei jemals wirklich ehrlich begegnet. Entzug ist dabei der unmittelbare, fast schmerzhafte Blick nach innen. Gleich zu Beginn steht dieses einfache, aber erschütternde Bild: eine Wodkaflasche auf dem Küchentisch, mitten am Tag, mitten im Familienleben. Und sofort ist klar, dass hier nichts beschönigt wird. Peters schreibt nicht über Sucht als abstraktes Thema, sondern als gelebten Zustand – als etwas, das sich in den Alltag frisst, in Routinen, in Gedanken, in Beziehungen. Was den Roman so stark macht, ist diese schonungslose Selbstbeobachtung.

Der Erzähler ist Schriftsteller, jemand, der es gewohnt ist, Dinge zu formulieren, zu strukturieren, vielleicht auch zu kontrollieren. Und genau diese Fähigkeit kippt hier ins Gegenteil: Er benutzt Sprache nicht nur, um sich auszudrücken, sondern auch, um sich zu rechtfertigen, um Ausreden zu finden, um sich selbst zu täuschen. Dieses Spannungsfeld zieht sich durch den ganzen Text. Man merkt beim Lesen ständig, wie dünn die Grenze ist zwischen Einsicht und Selbstbetrug.

Der Aufenthalt in der Klinik wird dann weniger zu einer klassischen „Heilungsgeschichte“, sondern eher zu einer Art Zerlegung des eigenen Lebens. Es geht um Gewohnheiten, um Trigger, um die Logik der Abhängigkeit – aber vor allem um die Beziehungen zu den Menschen, die darunter leiden. Besonders eindringlich ist dieses Gefühl, dass Sucht nie nur die eigene ist, sondern immer auch die der anderen. Dass jeder Rückfall, jede Lüge, jede Verharmlosung Kreise zieht. Und trotzdem bleibt da diese leise, vorsichtige Hoffnung, dass ein anderes Leben möglich ist – nicht als plötzliche Erlösung, sondern als mühsamer, täglicher Prozess. Ganz anders setzt Eine andere Geschichte an – und kommt doch an einen ähnlichen Punkt. Hier ist es kein körperlicher Entzug, sondern ein Erzählen unter Zwang. Curtis Melnitz, ein alter Filmproduzent, sitzt in den 1950er-Jahren in Los Angeles auf der Couch eines Psychiaters und beginnt, sein Leben zu rekonstruieren. Nicht freiwillig, sondern weil er die Medikamente braucht. Schon das ist ein genialer Ausgangspunkt: Erzählen nicht als Bedürfnis, sondern als Bedingung. Und so entfaltet sich sein Leben Stück für Stück, Sitzung für Sitzung – wie ein Film, der rückwärts und vorwärts zugleich läuft. Hollywood, Berlin, frühes 20. Jahrhundert: Lewinsky verbindet diese Schauplätze zu einer großen Erzählung über das 20. Jahrhundert selbst. Was mich beim Lesen besonders beschäftigt hat, ist die Frage, wie zuverlässig dieses Erzählen überhaupt ist. Melnitz ist ein Mann aus der Traumfabrik – jemand, der sein Leben lang damit gearbeitet hat, Geschichten zu inszenieren. Kann so jemand überhaupt „wahr“ erzählen? Oder ist auch diese Lebensbeichte letztlich eine Inszenierung, eine weitere Version seiner selbst? Genau hier berühren sich die beiden Romane. Denn auch in Entzug geht es letztlich um diese Frage: Wie ehrlich kann man zu sich selbst sein? Der Unterschied ist nur der Zugang. Peters geht radikal nach innen, körperlich, unmittelbar, fast klaustrophobisch. Lewinsky dagegen arbeitet über Distanz, über Erinnerung, über die Konstruktion von Geschichten. Der eine zeigt, wie ein Leben durch Abhängigkeit aus der Kontrolle gerät. Der andere, wie ein Leben im Nachhinein geordnet – vielleicht sogar umgeschrieben – wird. Und beide machen deutlich, dass Identität nichts Festes ist, sondern etwas, das ständig neu erzählt wird. Beim Lesen entsteht dadurch ein spannender Kontrast: Hier die Gegenwart der Sucht, roh und ungefiltert. Dort die Rückschau eines langen Lebens, gefiltert durch Erinnerung und Erzählung. Aber in beiden Fällen bleibt ein Rest Unsicherheit. Ein Zweifel daran, ob das, was erzählt wird, wirklich „die Wahrheit“ ist – oder nur eine Version davon, mit der man leben kann. Und vielleicht ist genau das die Verbindung zwischen diesen beiden Büchern: Sie zeigen, dass der schwierigste Teil nicht unbedingt das Leben selbst ist, sondern der Versuch, es sich selbst gegenüber zu erklären.