// aufgelesen vol. (6)87 – „widdersehen“

mit dem Werk „Widdersehen“ von Leonie Swann. // Mit „Widdersehen“ kehrt Leonie Swann endlich in jene literarische Welt zurück, die sie mit „Glennkill“ berühmt gemacht hat – und schon nach wenigen Seiten fühlt es sich an, als würde man alte Bekannte wiedersehen. Die Schafe rund um Miss Maple gehören längst zu den originellsten Ermittlerfiguren der […]

mit dem Werk „Widdersehen“ von Leonie Swann.

// Mit „Widdersehen“ kehrt Leonie Swann endlich in jene literarische Welt zurück, die sie mit „Glennkill“ berühmt gemacht hat – und schon nach wenigen Seiten fühlt es sich an, als würde man alte Bekannte wiedersehen. Die Schafe rund um Miss Maple gehören längst zu den originellsten Ermittlerfiguren der deutschsprachigen Krimiliteratur, und erstaunlicherweise funktioniert dieses ungewöhnliche Konzept auch viele Jahre später noch wunderbar. Vielleicht sogar besser als früher, weil Swann heute noch souveräner mit Tonfall, Timing und emotionaler Tiefe arbeitet. Was die Schafskrimis immer ausgezeichnet hat, ist die Balance zwischen Humor, Kriminalfall und erstaunlich kluger Gesellschaftsbeobachtung. „Widdersehen“ knüpft genau daran an. Vordergründig ist der Roman natürlich verspielt: sprechende, denkende Schafe, philosophische Gedankengänge über Menschen, Kräuter und Gefahren, dazu Wortspiele und jener typisch trockene Humor, der die Reihe so unverwechselbar macht.

Gleichzeitig steckt unter der warmherzigen Oberfläche erneut ein erstaunlich melancholischer und intelligenter Kriminalroman. Besonders schön gelingt diesmal die Rückkehr nach Irland. Die Heimatweide erscheint den Schafen zunächst wie ein Ort nostalgischer Sehnsucht, doch schnell zeigt sich, dass Erinnerungen selten mit der Realität übereinstimmen. Dieses Motiv zieht sich subtil durch den ganzen Roman: Heimat verändert sich, Beziehungen verändern sich, selbst vertraute Orte verlieren ihre Unschuld. Dadurch bekommt „Widdersehen“ eine nachdenklichere Grundstimmung als viele klassische Cozy Crimes. Dass Rebecca plötzlich verschwindet und lediglich ein einzelner Finger zurückbleibt, sorgt zudem dafür, dass der Roman trotz aller Wärme durchaus düstere Momente entwickelt. Gerade dieser Kontrast funktioniert hervorragend: Auf der einen Seite die leicht absurde Perspektive der Schafe, auf der anderen Seite ein echter Kriminalfall mit familiären Konflikten, Geheimnissen und Bedrohung. Leonie Swann gelingt dabei das Kunststück, niemals ins Alberne abzurutschen. Die Tiere bleiben glaubwürdig innerhalb ihrer eigenen Logik, und genau deshalb entsteht dieser besondere Reiz der Reihe. Vor allem Miss Maple bleibt eine großartige Figur. Ihre ruhige Intelligenz, ihre analytische Art und ihre leicht philosophischen Betrachtungen verleihen dem Roman immer wieder Tiefe. Gleichzeitig bringt der neue Zugang Madouc, die Ziege als „Schaf auf Probe“, frischen Wind in die Dynamik der Herde. Durch ihre neugierige Außenseiterperspektive können vertraute Eigenheiten der Schafe neu betrachtet werden, was viele sehr komische, aber auch überraschend liebevolle Szenen ermöglicht. Leonie Swanns Stil wirkt dabei angenehm leichtfüßig. Der Roman liest sich flüssig und humorvoll, ohne jemals oberflächlich zu werden. Hinter den pointierten Dialogen und den tierischen Beobachtungen steckt viel Gespür für menschliche Schwächen, Einsamkeit und Zusammenhalt. Genau deshalb haben die Bücher auch weit über den eigentlichen Krimibereich hinaus so viele Leserinnen und Leser gefunden. Auch die Ausstattung passt perfekt zum Charakter des Buches. Die gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag und Lesebändchen vermittelt genau jene hochwertige, gemütliche Anmutung, die man sich bei einem solchen Roman wünscht. Es ist ein Buch, das man nicht nur schnell wegliest, sondern gerne länger auf dem Tisch liegen lässt – fast wie ein vertrauter Besuch in Glennkill selbst. Im Kontext der Reihe wirkt „Widdersehen“ wie eine sehr gelungene Rückkehr zu ihren Wurzeln. Während viele spätere Tierkrimis versuchten, den Erfolg von „Glennkill“ zu kopieren, bleibt Leonie Swann weiterhin unerreicht, weil ihre Bücher eben nie nur Gimmick-Krimis waren. Hinter den ermittelnden Schafen standen immer echte Figuren, echte Gefühle und ein erstaunlich feiner Blick auf Menschen und Gemeinschaften. „Widdersehen“ verbindet all das erneut: Humor, Spannung, Nostalgie, kluge Beobachtungen und eine große Zuneigung für seine Figuren. Ein wunderbar eigenwilliger Kriminalroman, der zeigt, warum diese Reihe bis heute Kultstatus besitzt.