// zuckerschock für den juni 2026: cory doctorow – „enshittification“

mit dem Werk „Enshittification“ von Cory Doctorow. // Mit „Enshittification“ legt Cory Doctorow eines der wichtigsten Sachbücher zur digitalen Gegenwart vor. Der kanadisch-britische Autor, Journalist, Aktivist und Technik-Kritiker beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den gesellschaftlichen Folgen technologischer Entwicklungen. Anders als viele Beobachter der Digitalwirtschaft steht Doctorow dabei sowohl mit einem Bein in der Technologiebranche als […]

mit dem Werk „Enshittification“ von Cory Doctorow.

// Mit „Enshittification“ legt Cory Doctorow eines der wichtigsten Sachbücher zur digitalen Gegenwart vor. Der kanadisch-britische Autor, Journalist, Aktivist und Technik-Kritiker beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den gesellschaftlichen Folgen technologischer Entwicklungen. Anders als viele Beobachter der Digitalwirtschaft steht Doctorow dabei sowohl mit einem Bein in der Technologiebranche als auch in der politischen Debatte um Datenschutz, Urheberrecht, Plattformmacht und digitale Bürgerrechte. Diese doppelte Perspektive macht ihn zu einem der schärfsten und zugleich verständlichsten Analytiker des Internets unserer Zeit. Der Titel des Buches greift einen Begriff auf, den Doctorow selbst geprägt hat: „Enshittification“. Gemeint ist damit der Prozess, durch den digitale Plattformen zunächst attraktiv, nutzerfreundlich und innovativ erscheinen, um anschließend Schritt für Schritt verschlechtert zu werden. Zuerst werden die Nutzer angelockt, danach die Geschäftskunden, und schließlich werden beide Seiten zugunsten kurzfristiger Renditeinteressen ausgepresst. Das Ergebnis kennen viele aus eigener Erfahrung: Suchmaschinen liefern schlechtere Ergebnisse, soziale Netzwerke werden von Werbung überflutet, Streaming-Dienste werden teurer, Online-Marktplätze unübersichtlicher und digitale Dienste insgesamt frustrierender. Doctorows große Stärke besteht darin, diese Entwicklung nicht als Zufall oder als unvermeidliche Folge technologischen Fortschritts darzustellen.

Stattdessen analysiert er die wirtschaftlichen und politischen Mechanismen dahinter. Er zeigt, wie Monopolbildung, fehlende Interoperabilität, schwache Regulierung und die Konzentration wirtschaftlicher Macht dazu geführt haben, dass wenige Konzerne zentrale Teile der digitalen Infrastruktur kontrollieren können. Die Verschlechterung vieler Plattformen ist für ihn kein Betriebsunfall, sondern eine logische Konsequenz bestimmter Marktstrukturen. Bemerkenswert ist dabei die Zugänglichkeit seiner Argumentation. Obwohl Doctorow komplexe Themen wie Wettbewerbsrecht, Plattformökonomie, Datenschutz oder Netzpolitik behandelt, bleibt das Buch verständlich und oft überraschend unterhaltsam. Sein Stil ist pointiert, gelegentlich polemisch, aber stets gut begründet. Statt technischer Fachsimpelei liefert er konkrete Beispiele aus dem Alltag nahezu aller Internetnutzer. Wer Cory Doctorow bisher vor allem als Romanautor kennt, wird viele seiner zentralen Themen wiedererkennen. Bereits sein Jugendroman „Little Brother“ machte ihn weit über die Science-Fiction-Szene hinaus bekannt. Dort erzählte er die Geschichte eines Jugendlichen, der sich gegen staatliche Überwachung und digitale Kontrolle zur Wehr setzt. Obwohl „Little Brother“ als spannender Thriller funktionierte, war der Roman zugleich eine leidenschaftliche Verteidigung digitaler Freiheitsrechte. Viele der Fragen, die Doctorow dort literarisch verhandelte – Überwachung, Machtkonzentration, technologische Abhängigkeiten und die Möglichkeit gesellschaftlichen Widerstands – tauchen in „Enshittification“ nun in analytischer Form wieder auf. Man könnte sogar sagen, dass „Enshittification“ die theoretische Ergänzung zu Doctorows fiktionalem Werk darstellt. Während Romane wie „Little Brother“, „Homeland“ oder „Attack Surface“ zeigen, wie Menschen auf digitale Machtstrukturen reagieren, erklärt dieses Sachbuch, wie diese Strukturen überhaupt entstehen und warum sie so schwer zu durchbrechen sind. Besonders interessant ist, dass Doctorow nicht bei der Diagnose stehen bleibt. Anders als viele technikkritische Bücher endet „Enshittification“ nicht in kulturpessimistischer Resignation. Stattdessen entwickelt er konkrete Vorschläge für politische und gesellschaftliche Gegenmaßnahmen. Er diskutiert Kartellrecht, Interoperabilität, offene Standards, Nutzerrechte und regulatorische Ansätze, die digitale Märkte wieder wettbewerbsfähiger und demokratischer machen könnten. Nicht jede seiner Forderungen wird unumstritten sein, doch gerade diese Verbindung von Analyse und Lösungsansätzen macht das Buch so wertvoll. In einer Zeit, in der viele Menschen spüren, dass sich das Internet verändert hat, liefert Doctorow die Sprache und die Werkzeuge, um diese Entwicklung zu verstehen. Der Begriff „Enshittification“ mag provokant klingen, doch gerade deshalb hat er sich weltweit so schnell verbreitet. Er beschreibt ein Phänomen, das Millionen Nutzer täglich erleben, ohne es bisher klar benennen zu können. „Enshittification“ ist deshalb weit mehr als ein Buch über Technologie. Es ist ein Buch über Macht, Märkte, Demokratie und die Frage, wem die digitale Zukunft gehören soll. Für Leserinnen und Leser, die verstehen möchten, warum sich so viele Online-Dienste heute schlechter anfühlen als noch vor einigen Jahren, gehört es zu den aufschlussreichsten und relevantesten Sachbüchern der letzten Jahre. Gleichzeitig zeigt es eindrucksvoll, dass Cory Doctorow nicht nur einer der wichtigsten Science-Fiction-Autoren seiner Generation ist, sondern auch einer der klügsten Kritiker der digitalen Gegenwart.