mit der neuen Vinyl-LP von The Haunted Youth.

// Mit „Boys Cry Too“ gelingt The Haunted Youth ein bemerkenswerter zweiter Schritt – größer, dunkler, emotional radikaler und zugleich erstaunlich geschlossen. Was auf dem gefeierten Debüt „Dawn Of The Freak“ noch wie ein melancholischer Traum zwischen Shoegaze, Bedroom Pop und Indie-Romantik wirkte, wird hier zu einem deutlich intensiveren Statement. Joachim Liebens öffnet den Sound seiner Band weiter in Richtung Noise, Alternative Rock und düster aufgeladenem Dream Pop, ohne dabei jene verletzliche Emotionalität zu verlieren, die The Haunted Youth überhaupt erst so besonders gemacht hat. Gerade deshalb funktioniert dieses Album so stark: Es versucht nicht, cool oder distanziert zu wirken. „Boys Cry Too“ trägt seine Gefühle offen vor sich her. Angst, Überforderung, Einsamkeit, Sehnsucht und Selbstzweifel stehen hier nicht zwischen den Zeilen, sondern mitten im Raum. Schon der monumentale Opener „in my head“ macht klar, dass dieses Album größer denkt als der Vorgänger.
Der Song baut sich langsam auf, schichtet Gitarrenflächen übereinander, bevor er in einer Mischung aus Übersteuerung und Melancholie explodiert. Diese Dynamik zieht sich durch das gesamte Album. Tracks wie „castlevania“ oder „deathwish“ verbinden eingängige Melodien mit einer fast nervösen Unruhe. Verzerrte Gitarren, dichte Hallräume und pulsierende Drums treffen auf Liebens’ fragile Stimme, die selbst in den lautesten Momenten immer etwas Zerbrechliches behält. Besonders spannend ist dabei, wie The Haunted Youth mit Gegensätzen arbeitet: Schönheit und Lärm, Nähe und Distanz, Sanftheit und Aggression existieren ständig nebeneinander. Auch textlich wirkt „Boys Cry Too“ persönlicher und kompromissloser als vieles im aktuellen Indie-Bereich. Schon der Titel verweigert sich klassischen Männlichkeitsbildern und macht Verletzlichkeit zum zentralen Thema des Albums. Statt ironischer Brechungen oder cooler Pose gibt es hier emotionale Direktheit. Genau das verleiht der Platte ihre Wucht. Die weiße Vinyl-Ausgabe passt hervorragend zur Ästhetik des Albums. Sie unterstreicht diese Mischung aus Fragilität und Intensität, die den gesamten Sound prägt. Klanglich überzeugt die LP ebenfalls auf ganzer Linie. Die Produktion lebt von Tiefe und Atmosphäre, und gerade auf Vinyl entfalten die Gitarrenwände, Bassflächen und Hallräume eine enorme Wirkung. Die Songs bekommen mehr Luft, mehr Wärme und zugleich mehr Druck. Besonders die lauteren Passagen besitzen eine beinahe körperliche Präsenz, während ruhigere Momente angenehm weich und detailreich wirken. Auch die Ausstattung zeigt, wie viel Wert hier auf ein stimmiges Gesamterlebnis gelegt wurde. Der Obi Strip verleiht der Veröffentlichung diesen leicht cineastischen, sammlerhaften Charakter, wie man ihn von liebevoll kuratierten Indie- und Shoegaze-Reissues kennt. Dazu kommen ein hochwertiger Beileger und die bedruckte Innenhülle, die das Gefühl verstärken, ein bewusst gestaltetes Kunstobjekt in den Händen zu halten – nicht bloß einen Tonträger. The Haunted Youth gehören ohnehin zu den spannendsten europäischen Indie-Bands der letzten Jahre. Dass das Projekt ursprünglich als Solovorhaben von Joachim Liebens begann, hört man der Musik bis heute an: Viele Songs besitzen eine intime, fast tagebuchartige Nähe. Gleichzeitig wächst die Band auf „Boys Cry Too“ hörbar über diesen Ursprung hinaus. Die Arrangements wirken größer, mutiger und ambitionierter, ohne ihre emotionale Ehrlichkeit zu verlieren. Einflüsse aus Shoegaze, Postpunk, Dream Pop und Alternative Rock sind zwar deutlich hörbar – von Slowdive über DIIV bis hin zu frühen The Cure oder modernen Acts wie Fontaines D.C. –, doch The Haunted Youth formen daraus längst ihren eigenen Stil. Dieses Album klingt nicht nach kalkulierter Nostalgie, sondern nach echter innerer Unruhe. „Boys Cry Too“ ist deshalb weit mehr als nur ein gelungenes zweites Album. Es ist die konsequente Weiterentwicklung einer Band, die ihre Verletzlichkeit nicht versteckt, sondern zum Mittelpunkt ihrer Kunst macht. Auf Vinyl wirkt dieses Album besonders eindringlich: laut, melancholisch, schön und emotional vollkommen ungefiltert.
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