// presswerke vol. (3)05 – „keine kontrolle“

mit der neuen Vinyl-LP von Christin Nicols. // Mit ihrem dritten Soloalbum erreicht Christin Nichols einen Punkt, an dem alles zusammenzufallen scheint: ihre Erfahrungen als Schauspielerin, ihre Haltung als Künstlerin, ihre Nähe zur Berliner Indie- und Postpunk-Szene und ihr Gespür für große, unmittelbare Popmelodien. Ihr selbstbetiteltes Werk wirkt dabei wie ein persönliches Statement – nicht […]

mit der neuen Vinyl-LP von Christin Nicols.

// Mit ihrem dritten Soloalbum erreicht Christin Nichols einen Punkt, an dem alles zusammenzufallen scheint: ihre Erfahrungen als Schauspielerin, ihre Haltung als Künstlerin, ihre Nähe zur Berliner Indie- und Postpunk-Szene und ihr Gespür für große, unmittelbare Popmelodien. Ihr selbstbetiteltes Werk wirkt dabei wie ein persönliches Statement – nicht aus Eitelkeit, sondern weil dieses Album tatsächlich den Eindruck vermittelt, hier spreche jemand so offen, klar und ungefiltert wie nie zuvor. Schon nach wenigen Songs wird deutlich, wie stark Nichols als Songwriterin gewachsen ist. Gemeinsam mit Stefan Ernst von Isolation Berlin produziert sie einen Sound, der zwischen New Wave, Indie-Rock, Pop und leicht düsterem Synth-Flair pendelt, dabei aber erstaunlich direkt bleibt. Die Musik besitzt Kanten, wirkt manchmal rau und ungeschönt, gleichzeitig aber hochmelodisch und emotional zugänglich. Genau dieses Spannungsfeld macht die Platte so spannend.

Die LP klingt dabei schlicht fantastisch. Gerade auf Vinyl entfalten die Songs eine beeindruckende Wärme und Räumlichkeit. Die Gitarren haben Druck, die Synthesizer schweben angenehm breit im Raum, und Nichols’ Stimme steht präsent und unmittelbar im Zentrum. Viele moderne Produktionen verlieren aufgrund der Schnellebigkeit im Pop-Kosmos an Dynamik – hier ist das Gegenteil der Fall. Das Album profitiert hörbar vom analogen Format: Die Mischung aus drängenden Basslinien, trockenem Schlagzeug und atmosphärischen Klangflächen gewinnt an Tiefe und Intensität. Dadurch entsteht fast das Gefühl, man säße mitten im Proberaum oder in einem kleinen Berliner Club. Auch optisch passt die LP hervorragend zum Album. Die Musik besitzt genau jene Mischung aus Intimität und Selbstbehauptung, die auf Vinyl besonders gut funktioniert: Platte auflegen, Hülle in die Hand nehmen, Texte mitlesen und das Album als geschlossenes Werk erleben. Denn „Christin Nichols“ ist keine lose Songsammlung, sondern wirkt wie ein emotionales Tagebuch eines bestimmten Lebensabschnitts. Inhaltlich kreisen die Stücke um Selbstbilder, Beziehungen, gesellschaftlichen Druck, weibliche Rollenbilder und mentale Zustände. Dabei gelingt Nichols etwas Bemerkenswertes: Sie formuliert persönliche Themen so konkret, dass sie universell werden. Titel wie „Keine Kontrolle“, „Andere Frauen“ oder „Prom Queen“ verhandeln Erwartungen und Unsicherheiten mit einer Mischung aus Verletzlichkeit und Trotz. Andere Songs wirken fast euphorisch, bevor darunter wieder Melancholie aufscheint. Besonders stark ist, wie Nichols Sprache einsetzt. Ihre Texte sind direkt, manchmal lakonisch, dann wieder poetisch oder scharf beobachtend. Man spürt ihre Herkunft aus Theater und Schauspiel, weil sie Szenen und Stimmungen unglaublich präzise zeichnen kann. Gleichzeitig klingt nichts künstlich literarisch. Viele Zeilen haben diese seltene Qualität, sofort hängen zu bleiben, ohne sich aufzudrängen. Musikalisch erinnert manches an die kühl-romantische Seite der Neuen Deutschen Welle, anderes an modernen Indie-Pop oder Berliner Postpunk. Doch trotz aller möglichen Referenzen klingt Nichols nie wie eine Kopie. Gerade die Zusammenarbeit mit Stefan Ernst bringt eine wunderbar reduzierte Klarheit in die Songs. Die Arrangements sind kompakt, oft schnörkellos, aber voller kleiner Details, die sich erst nach mehreren Durchläufen entfalten. Auch ihre Biografie spielt in dieses Album hinein. Christin Nichols bewegt sich seit Jahren zwischen Schauspiel und Musik. Diese Vielschichtigkeit hört man der Platte an. Sie wirkt reflektiert, aber nie verkopft; politisch, ohne Parolen zu formulieren; emotional, ohne ins Pathetische abzuriften. Dass dies als das „schwierige dritte Album“ angekündigt wird, erscheint im Nachhinein fast ironisch. Denn ihr selbstbetiteltes Album klingt eher wie der Moment, in dem eine Künstlerin endgültig bei sich angekommen ist. Die Platte besitzt Selbstbewusstsein, ohne laut danach zu verlangen. Und gerade auf Schallplatte entfaltet dieses Album seine volle Stärke: warm, intensiv, mit Nachhall.