mit der neuen Vinyl-LP von Violet Grohl.

// Mit „Be Sweet To Me“ legt Violet Grohl ein Debütalbum vor, das eindrucksvoll zeigt, warum sie bereits vor ihrem ersten vollständigen Studioalbum als eine der spannendsten jungen Stimmen der alternativen Musikszene gehandelt wurde. Natürlich wird ihr Name unweigerlich mit ihrem Vater Dave Grohl verbunden, doch bereits nach wenigen Songs wird deutlich, dass Violet Grohl ihren eigenen künstlerischen Weg geht. Statt in die Fußstapfen der Foo Fighters zu treten, entwickelt sie eine ganz eigene Klangsprache zwischen Indie-Rock, Alternative, Shoegaze, Dream Pop und raueren Gitarrenmomenten. Schon ihre bisherigen Singles „Thum“, „595“ und „Applefish“ machten deutlich, dass hier keine Künstlerin am Werk ist, die auf bekannte Familienrezepte setzt. Vielmehr verbindet Violet Grohl eine ungewöhnliche Mischung aus Verletzlichkeit und Entschlossenheit. Ihre Musik wirkt gleichzeitig fragil und kraftvoll, verträumt und direkt, verspielt und düster. Die von ihr selbst als „Farm Goth“ bezeichnete Ästhetik beschreibt diesen Gegensatz erstaunlich treffend. Naturverbundenheit, Melancholie, jugendliche Unsicherheit und eine gewisse romantische Dunkelheit verschmelzen zu einem Stil, der sich nur schwer in bestehende Schubladen einordnen lässt.
„Be Sweet To Me“ lebt vor allem von Atmosphäre. Die elf Songs wirken wie Momentaufnahmen einer jungen Künstlerin, die ihre eigene Identität erkundet. Dabei wechseln sich lautere, von verzerrten Gitarren geprägte Passagen mit beinahe schwebenden, introspektiven Momenten ab. Gerade diese Dynamik macht das Album so reizvoll. Während Stücke wie „Thum“ oder „595“ mit roher Energie und kantigen Arrangements überzeugen, entfalten Songs wie „Last Day I Loved You“ oder „Pool of My Dreams“ eine fast traumartige Schönheit. Besonders bemerkenswert ist Violet Grohls Stimme. Sie besitzt eine Natürlichkeit, die viele junge Künstler erst nach mehreren Alben entwickeln. Ihre Gesangslinien wirken nie überinszeniert oder künstlich dramatisiert. Stattdessen transportiert sie Emotionen mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Intensität, die hervorragend zu den oft atmosphärischen Arrangements passt. Man hört Einflüsse aus der alternativen Rocktradition der Neunzigerjahre ebenso heraus wie moderne Indie- und Bedroom-Pop-Strömungen. Im größeren Kontext erinnert das Album stellenweise an Künstlerinnen wie Soccer Mommy, Snail Mail, Phoebe Bridgers oder beabadoobee, besitzt aber dennoch eine eigene Identität. Gerade die schwer greifbare Mischung aus Melodie, Noise, Alternative Rock und verträumten Klanglandschaften macht „Be Sweet To Me“ zu einem bemerkenswert eigenständigen Debüt. Auch als Vinyl-Veröffentlichung überzeugt die Platte. Die Musik scheint geradezu für das analoge Format geschaffen zu sein. Die dichten Gitarrenschichten, die warmen Mitten und die teilweise bewusst ungeschliffene Produktion profitieren hörbar von der Wiedergabe auf Schallplatte. Die Songs gewinnen an Tiefe, während die atmosphärischen Passagen noch stärker zur Geltung kommen. Besonders auf einem guten Plattenspieler entfaltet sich die emotionale Bandbreite des Albums beeindruckend. Die lauteren Stücke besitzen Druck und Präsenz, ohne die feineren Details zu überdecken, während die ruhigeren Momente eine fast intime Nähe entwickeln. Dadurch entsteht ein sehr geschlossenes Werk, das dazu einlädt, das Album am Stück zu genießen. Was „Be Sweet To Me“ letztlich so überzeugend macht, ist die Tatsache, dass Violet Grohl nicht versucht, Erwartungen zu erfüllen. Statt eines kalkulierten Debüts präsentiert sie ein Album voller Persönlichkeit, Ecken und Kanten. Es wirkt wie der Beginn einer langfristigen künstlerischen Entwicklung und nicht wie ein Produkt, das möglichst schnell Aufmerksamkeit erzeugen soll. Für ein erstes Album besitzt „Be Sweet To Me“ bereits erstaunliche Reife. Gleichzeitig bleibt genug jugendliche Unmittelbarkeit erhalten, um die Songs lebendig und authentisch wirken zu lassen. Das Ergebnis ist eine der interessantesten Indie-Rock-Veröffentlichungen des Jahres – ein Debüt, das neugierig macht auf alles, was Violet Grohl in den kommenden Jahren noch entwickeln wird.
UND WAS NUN?