mit den Werken „Alles ist Gold“ von Lisa Roy und „Der Tag war schön und ich dachte an dich“ von Sofia Montrone.

// Mit „Alles ist Gold“ von Lisa Roy und „Der Tag war schön und ich dachte an dich“ von Sofia Montrone erscheinen zwei Romane, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Erwachsenwerden, der Suche nach dem eigenen Platz im Leben und den prägenden Begegnungen beschäftigen, die unseren weiteren Weg bestimmen. Beide Bücher erzählen von Menschen an Wendepunkten ihres Lebens, von Unsicherheit und Sehnsucht, von Familie, Liebe und Identität. Dabei entstehen zwei sehr unterschiedliche literarische Stimmen, die sich jedoch wunderbar ergänzen und gemeinsam ein facettenreiches Bild einer Generation zeichnen, die zwischen Selbstverwirklichung, Verantwortung und der Suche nach Halt ihren eigenen Weg finden muss. Lisa Roy hat bereits mit ihrem Debüt „Keine gute Geschichte“ bewiesen, dass sie gesellschaftliche Themen mit großer Empathie und einem feinen Gespür für Sprache verbinden kann. Auch „Alles ist Gold“ lebt von dieser besonderen Mischung aus lakonischem Humor, emotionaler Ehrlichkeit und präziser Beobachtungsgabe. Im Mittelpunkt steht Jana Doktor, deren Leben scheinbar gleichzeitig in sämtliche Richtungen auseinanderfällt.
Die Beziehung ist gescheitert, die Promotion kommt nicht voran, eine ungeplante Schwangerschaft stellt alle Zukunftspläne infrage und der Rückzug ins Elternhaus fühlt sich wie ein Schritt zurück statt nach vorn an. Gerade diese Ausgangssituation macht Jana zu einer ausgesprochen greifbaren Figur. Sie ist keine Heldin, die ihr Leben souverän im Griff hat, sondern eine junge Frau voller Zweifel, die versucht, aus den Bruchstücken ihres Alltags einen neuen Sinn zu formen.

Als sie im Kölner Imbiss auf Miral trifft und beide spontan zu einem Roadtrip nach Italien aufbrechen, entwickelt sich der Roman zu weit mehr als einer klassischen Reisegeschichte. Die Fahrt wird zu einer inneren Suche nach Orientierung, nach Glauben und nach der Frage, welche Entscheidungen das eigene Leben wirklich verändern. Roy gelingt es dabei hervorragend, existenzielle Themen mit einer Leichtigkeit zu erzählen, die nie oberflächlich wirkt. Immer wieder blitzen Humor, Selbstironie und stille Melancholie auf, ohne dass der Roman seine emotionale Glaubwürdigkeit verliert. Besonders reizvoll ist dabei die Offenheit, mit der spirituelle Erfahrungen, Zufälle und persönliche Krisen nebeneinanderstehen und Raum für eigene Interpretationen lassen. Sofia Montrones „Der Tag war schön und ich dachte an dich“ schlägt dagegen leisere, poetischere Töne an. Während Lisa Roy ihre Figuren in Bewegung versetzt und den Roadtrip als Motor der Handlung nutzt, erzählt Montrone von Erinnerungen, Orten und den Spuren, die vergangene Sommer im Leben hinterlassen. Die Lombardei wird dabei weit mehr als bloße Kulisse. Zwischen alten Hotels, mediterraner Hitze und kleinen Dörfern entsteht eine Atmosphäre, die den gesamten Roman trägt und Erinnerungen fast körperlich spürbar macht. Im Mittelpunkt steht Leo, deren Kindheit durch einen tragischen Unfall unwiderruflich verändert wird. Jahre später kehrt sie an denselben Ort zurück und muss feststellen, dass sich nicht nur ihre Familie, sondern auch sie selbst verändert hat. Die enge Beziehung zum Bruder ist brüchig geworden, die Großmutter altert sichtbar und die vertraute Umgebung wirkt plötzlich fremd. Erst die Begegnung mit Dolores eröffnet neue Perspektiven und entwickelt sich zu einer zarten, glaubwürdigen Liebesgeschichte, die sich organisch aus der Handlung heraus entfaltet. Montrone erzählt diese Entwicklung mit großer Zurückhaltung und feinem Gespür für Zwischentöne. Vieles bleibt unausgesprochen, vieles wird über Blicke, Erinnerungen oder kleine Gesten transportiert. Dadurch entsteht eine besondere Intensität, die lange nach der Lektüre nachhallt. Auffällig ist, wie unterschiedlich beide Autorinnen Italien als literarischen Raum nutzen. In „Alles ist Gold“ wird die Reise nach Italien zum Symbol des Aufbruchs, zu einem Ort neuer Möglichkeiten und unerwarteter Erkenntnisse. In „Der Tag war schön und ich dachte an dich“ hingegen ist Italien vor allem ein Ort der Erinnerung, an dem Vergangenheit und Gegenwart untrennbar miteinander verwoben sind. Beide Romane zeigen jedoch, dass Landschaften und Orte Menschen verändern können und dass Reisen oft weniger mit geografischen Entfernungen als mit inneren Entwicklungen zu tun haben. Auch stilistisch ergänzen sich die Bücher hervorragend. Lisa Roy schreibt direkt, modern und dialogstark. Ihre Figuren sprechen mit einer Natürlichkeit, die das Lebensgefühl einer Generation authentisch einfängt. Sofia Montrone setzt dagegen stärker auf poetische Bilder, Stimmungen und atmosphärische Beschreibungen. Ihr Roman entfaltet seine Wirkung langsamer und lebt von einer stillen Emotionalität, die sich nach und nach vertieft. Inhaltlich verbindet sie die Frage, wie Menschen ihren Platz in einer zunehmend komplexen Welt finden können. Beide Romane erzählen von Beziehungen, die tragen oder zerbrechen, von familiären Bindungen, von Liebe in ihren unterschiedlichsten Formen und von der Hoffnung, trotz aller Umwege irgendwann bei sich selbst anzukommen. So ergeben „Alles ist Gold“ und „Der Tag war schön und ich dachte an dich“ gemeinsam ein bemerkenswertes literarisches Doppel. Lisa Roy erzählt vom Aufbruch und vom Mut, das eigene Leben neu zu denken, während Sofia Montrone den Blick auf Erinnerung, Verlust und das langsame Reifen einer Persönlichkeit richtet. Beide Romane laden dazu ein, sich auf ihre Figuren einzulassen, und beweisen, dass die spannendsten Reisen oft jene sind, die tief ins Innere führen.
UND WAS NUN?