// strichcode vol. (4)65 – „revolt“

mit dem Werk „Revolt“ (Band 1 und 2) von Dominik Jell. // Dominik Jell entwirft mit „Revolt“ eine eigenständige Cyberpunk-Dystopie, die klassische Science-Fiction-Motive mit hochaktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen verbindet. Bereits der erste Band macht deutlich, dass es hier nicht allein um spektakuläre Action oder futuristische Technologie geht. Im Mittelpunkt steht eine Welt, die an ihren eigenen […]

mit dem Werk „Revolt“ (Band 1 und 2) von Dominik Jell.

// Dominik Jell entwirft mit „Revolt“ eine eigenständige Cyberpunk-Dystopie, die klassische Science-Fiction-Motive mit hochaktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen verbindet. Bereits der erste Band macht deutlich, dass es hier nicht allein um spektakuläre Action oder futuristische Technologie geht. Im Mittelpunkt steht eine Welt, die an ihren eigenen Fehlentwicklungen zerbrochen ist: Klimawandel, Ressourcenknappheit und soziale Ungleichheit haben die Menschheit in eine Zukunft geführt, in der ein übermächtiger Megakonzern über Gesundheit, Wohlstand und letztlich über das Leben selbst bestimmt. Medizinische Wunder und technische Perfektion stehen nur einer privilegierten Elite offen, während der Großteil der Bevölkerung in Armut und Hoffnungslosigkeit lebt. In diesem Spannungsfeld entwickelt sich eine Geschichte über Widerstand, Verantwortung und den Preis der Freiheit. Der erste Band überzeugt vor allem durch seinen sorgfältigen Weltenbau. Jell zeichnet eine glaubwürdige Zukunft, deren technologische Errungenschaften ebenso faszinierend wie beängstigend wirken.

Zwischen verfallenen Landschaften, futuristischen Metropolen und allgegenwärtiger Überwachung entsteht eine Atmosphäre, die Fans klassischer Cyberpunk-Werke sofort vertraut vorkommen dürfte. Gleichzeitig verleiht der Autor seiner Geschichte eine unverwechselbare eigene Handschrift. Die Handlung entwickelt sich dynamisch, führt nach und nach in die politischen und gesellschaftlichen Strukturen dieser Welt ein und stellt Figuren vor, deren Motive nicht immer eindeutig sind. Gerade diese moralischen Grauzonen verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe und machen neugierig auf die weitere Entwicklung. Auch zeichnerisch hinterlässt der Auftakt einen starken Eindruck.

Dominik Jells dynamischer Stil verbindet detailreiche Architektur und intensive Charakterdarstellungen zu einem stimmigen Gesamtbild. Besonders die Kontraste zwischen den glitzernden Hochburgen der Macht und den zerstörten Lebensräumen der Bevölkerung werden eindrucksvoll in Szene gesetzt. Die Actionsequenzen besitzen Tempo und Übersicht, während ruhigere Momente den Figuren genügend Raum geben, Persönlichkeit und Emotionen zu entwickeln. Mit Band 2 gewinnt die Geschichte noch einmal deutlich an Intensität. Nachdem der erste Teil die Welt und ihre Konflikte etabliert hat, rücken nun die Figuren stärker in den Mittelpunkt. Die Enthüllung über Reys Vergangenheit verändert die Dynamik innerhalb der Widerstandsgruppe grundlegend und zeigt, dass Gut und Böse längst nicht so klar voneinander zu trennen sind, wie es zunächst scheint. Persönliche Loyalitäten geraten ins Wanken, alte Gewissheiten zerbrechen und die Figuren müssen sich fragen, welchen Preis sie bereit sind für ihre Überzeugungen zu zahlen. Gleichzeitig erweitert Jell den Blick auf das Machtgefüge der Corp. und offenbart Stück für Stück die erschreckende Dimension ihrer Kontrolle. Die Reise in die Stadt gehört zu den atmosphärischen Höhepunkten des Bandes. Dort verdichtet sich die dystopische Stimmung zu einem beklemmenden Bild einer vollständig kontrollierten Gesellschaft, in der jede Entscheidung überwacht und jede Abweichung bestraft wird. Die futuristische Metropole wirkt gleichzeitig beeindruckend und bedrohlich und verdeutlicht eindrucksvoll, wie technischer Fortschritt ohne ethische Grenzen in Unterdrückung umschlagen kann. Auch erzählerisch legt die Fortsetzung spürbar zu. Neue Fragen entstehen, bestehende Konflikte vertiefen sich, und der Widerstand erhält erstmals echte Konturen. Dadurch wächst die Spannung kontinuierlich und macht deutlich, dass die Geschichte weit über einen klassischen Kampf zwischen Rebellen und dem Konzern hinausgeht. Vielmehr stellt „Revolt“ grundlegende Fragen nach Verantwortung, Macht, sozialer Gerechtigkeit und dem Umgang mit den Folgen menschlichen Handelns. Mit den ersten beiden Bänden gelingt Dominik Jell ein bemerkenswerter Auftakt einer insgesamt sechsteiligen Reihe. Die Serie verbindet temporeiche Science-Fiction, starke visuelle Gestaltung und gesellschaftliche Relevanz zu einer modernen Cyberpunk-Erzählung, die sowohl spannende Unterhaltung als auch Denkanstöße bietet. Fans von dystopischen Zukunftsvisionen, komplexen Figuren und politisch geprägter Science Fiction finden hier einen vielversprechenden neuen deutschsprachigen Manga, der mit jedem Band an erzählerischer Tiefe gewinnt und große Erwartungen an die Fortsetzung weckt.