// werktag vol. (1)95 – „confusion is next“

mit dem neuen Werk „Confusion is next“ von Jens Balzer. // Jens Balzer setzt mit „Confusion Is Next“ seine ebenso kenntnisreiche wie unterhaltsame kulturhistorische Vermessung der jüngeren Vergangenheit fort und widmet sich diesmal den Nullerjahren – einem Jahrzehnt, das rückblickend als entscheidende Übergangsphase zwischen analoger Vergangenheit und digitaler Gegenwart erscheint. Was auf den ersten Blick […]

mit dem neuen Werk „Confusion is next“ von Jens Balzer.

// Jens Balzer setzt mit „Confusion Is Next“ seine ebenso kenntnisreiche wie unterhaltsame kulturhistorische Vermessung der jüngeren Vergangenheit fort und widmet sich diesmal den Nullerjahren – einem Jahrzehnt, das rückblickend als entscheidende Übergangsphase zwischen analoger Vergangenheit und digitaler Gegenwart erscheint. Was auf den ersten Blick wie eine nostalgische Reise durch Popkultur, Mode und Musik beginnt, entwickelt sich schnell zu einer ebenso klugen wie pointierten Analyse jener Entwicklungen, die unsere heutige Gesellschaft nachhaltig geprägt haben. Balzer gehört seit Jahren zu den profiliertesten deutschen Kulturjournalisten. Als Popkritiker und Feuilletonist gelingt es ihm immer wieder, Musik, Literatur, Film, Politik und gesellschaftliche Veränderungen miteinander zu verknüpfen und daraus größere Zusammenhänge abzuleiten. Genau diese Fähigkeit macht auch „Confusion Is Next“ zu weit mehr als einer bloßen Chronik der Nullerjahre. Statt einzelne Ereignisse lediglich aneinanderzureihen, zeichnet Balzer nach, wie eng Popkultur, Technologie und Politik miteinander verflochten waren und wie viele Entwicklungen unserer Gegenwart bereits damals ihren Anfang nahmen. Besonders spannend ist dabei der Blick auf die scheinbar grenzenlose Euphorie jener Jahre.

Nach den Umbrüchen der 1990er schien vieles möglich: Das Internet versprach Freiheit und demokratischen Austausch, soziale Netzwerke entstanden, Individualismus wurde zum Leitmotiv einer ganzen Generation und die Globalisierung galt vielerorts noch als Chance. Balzer beschreibt diese Aufbruchsstimmung anschaulich, ohne sie zu verklären. Gleichzeitig zeigt er, wie sich bereits hinter den ersten Erfolgsmodellen von Facebook, Google oder den aufstrebenden Unternehmen des Silicon Valley jene Mechanismen entwickelten, die heute Debatten über Datenmacht, Monopole und digitale Abhängigkeiten bestimmen. Ebenso überzeugend gelingt ihm die Verbindung von Popkultur und Zeitgeschichte. Fernsehereignisse wie „Big Brother“, die Indie- und Hipsterbewegung, der sogenannte „Bionade-Biedermeier“, neue Formen digitaler Selbstdarstellung oder die veränderte Musikkultur werden nicht isoliert betrachtet, sondern stets als Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen verstanden. Balzer zeigt eindrucksvoll, wie eng Mode, Musik und Lifestyle mit politischen und wirtschaftlichen Veränderungen verbunden waren und wie sich das Selbstbild einer Generation im Laufe des Jahrzehnts veränderte. Gleichzeitig verliert das Buch nie die großen politischen Zäsuren aus dem Blick. Die Terroranschläge vom 11. September 2001, der anschließende War on Terror, die weltweite Finanzkrise von 2008 sowie der Aufstieg neuer wirtschaftlicher und politischer Machtzentren bilden den historischen Hintergrund, vor dem sich die kulturellen Entwicklungen entfalten. Besonders überzeugend arbeitet Balzer heraus, dass viele gesellschaftliche Spannungen der Gegenwart keineswegs plötzlich entstanden sind, sondern ihre Wurzeln bereits in den Nullerjahren besitzen. Der Übergang von einer optimistischen Digitalutopie hin zu einer zunehmend polarisierten und wirtschaftlich konzentrierten Onlinewelt wird nachvollziehbar und differenziert beschrieben. Stilistisch bleibt Balzer seinem Markenzeichen treu. Er verbindet journalistische Präzision mit einem lockeren, oftmals humorvollen Ton und schafft es, komplexe Zusammenhänge verständlich und ausgesprochen unterhaltsam zu vermitteln. Zahlreiche Beispiele aus Musik, Film, Fernsehen und Literatur sorgen dafür, dass auch Leserinnen und Leser, die die Nullerjahre selbst erlebt haben, viele vertraute Momente wiederentdecken, während jüngere Generationen nachvollziehen können, weshalb dieses Jahrzehnt heute als Scharnier zwischen zwei gesellschaftlichen Epochen gilt. Die Hardcover-Ausgabe aus dem Rowohlt Berlin Verlag überzeugt zudem durch ihre hochwertige Ausstattung. Die zahlreichen Schwarz-Weiß-Abbildungen lockern den Text sinnvoll auf und verleihen dem Band zusätzlichen dokumentarischen Charakter. Sie unterstreichen den Anspruch des Buches, nicht nur kulturgeschichtliche Analyse, sondern zugleich ein lebendiges Zeitporträt zu sein. „Confusion Is Next“ ist damit weit mehr als ein nostalgischer Rückblick auf Modeerscheinungen oder Popmusik. Jens Balzer legt eine kluge, hervorragend recherchierte und äußerst lesenswerte Analyse eines Jahrzehnts vor, dessen Folgen bis heute unseren Alltag prägen. Wer verstehen möchte, warum unsere digitale Gegenwart so aussieht, wie sie aussieht, findet hier eine ebenso unterhaltsame wie erkenntnisreiche Lektüre, die Popkultur und Zeitgeschichte auf beeindruckende Weise miteinander verbindet.