// aufgelesen vol. (6)95 – „mit beiden händen den himmel stützen“

mit dem Werk „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien. // Lilli Tollkien erzählt in Mit beiden Händen den Himmel stützen von einer Kindheit, die gleichermaßen von vermeintlicher Freiheit und tiefgreifender Orientierungslosigkeit geprägt ist. Der Roman führt in das West-Berlin der 1980er-Jahre, in eine alternative Männerkommune, in der gesellschaftliche Konventionen bewusst hinterfragt werden […]

mit dem Werk „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien.

// Lilli Tollkien erzählt in Mit beiden Händen den Himmel stützen von einer Kindheit, die gleichermaßen von vermeintlicher Freiheit und tiefgreifender Orientierungslosigkeit geprägt ist. Der Roman führt in das West-Berlin der 1980er-Jahre, in eine alternative Männerkommune, in der gesellschaftliche Konventionen bewusst hinterfragt werden und politische Utopien zum Alltag gehören. Zwischen endlosen Diskussionen, Partys und revolutionären Idealen wächst die junge Lale auf – in einer Umgebung, die sich als besonders frei versteht, ihr jedoch genau jene Sicherheit und Geborgenheit vorenthält, die ein Kind am dringendsten braucht. Lale erlebt eine Kindheit ohne klare Regeln und feste Grenzen. Sie darf lange aufbleiben, fernsehen, Süßigkeiten essen und scheinbar tun, was sie möchte. Doch diese grenzenlose Freiheit entpuppt sich zunehmend als Form der Vernachlässigung. Der Roman zeichnet eindringlich nach, wie Ideale von Selbstbestimmung und antiautoritärer Erziehung dort ihre Schattenseiten entfalten, wo Verantwortung und Fürsorge fehlen. Immer wieder werden Lales persönliche Grenzen überschritten, während sie verzweifelt nach Halt, Verlässlichkeit und einem Gefühl von Zugehörigkeit sucht.

Besonders eindrucksvoll ist dabei die Perspektive der Erzählerin. Lilli Tollkien beschreibt die Ereignisse nicht sensationsheischend oder anklagend, sondern mit großer emotionaler Genauigkeit und literarischer Sensibilität. Die Erinnerungen entfalten sich Stück für Stück und zeigen, wie widersprüchlich Kindheit sein kann: voller Neugier und Fantasie, aber zugleich geprägt von Verletzungen, die erst viele Jahre später in ihrer ganzen Tragweite verstanden werden. Gerade diese zurückhaltende Erzählweise verleiht dem Roman seine besondere Intensität. Zugleich ist Mit beiden Händen den Himmel stützen weit mehr als die Geschichte einer schwierigen Kindheit. Es ist ein Roman über Resilienz und die Suche nach einer eigenen Stimme. Lale wird nicht auf ihre Erfahrungen reduziert, sondern entwickelt sich zu einer Frau, die lernt, ihre Vergangenheit zu erzählen, ihr einen Platz im eigenen Leben zu geben und dadurch neue Stärke zu gewinnen. Das Schreiben und Erinnern werden zu einem Akt der Selbstermächtigung – nicht als vollständige Heilung, sondern als Möglichkeit, das Erlebte zu begreifen und die eigene Geschichte selbst in die Hand zu nehmen. Sprachlich verbindet der Roman poetische Bilder mit großer Authentizität. Die Atmosphäre des alternativen West-Berlins wird ebenso lebendig eingefangen wie die innere Welt eines Kindes, das versucht, die Widersprüche seiner Umgebung zu verstehen. Zwischen Melancholie und Hoffnung entsteht eine leise, aber nachhaltige Erzählung, die lange nachwirkt und den Leser immer wieder über die Bedeutung von Familie, Verantwortung und emotionaler Sicherheit nachdenken lässt. Mit Mit beiden Händen den Himmel stützen legt Lilli Tollkien einen feinfühligen und bewegenden Roman vor, der autobiografisch anmutende Erfahrungen in universelle Literatur verwandelt. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das unter schwierigen Bedingungen aufwächst, sich den Verletzungen ihrer Vergangenheit stellt und schließlich im Erzählen selbst den Halt findet, den sie als Kind so schmerzlich vermisst hat. Gerade diese Verbindung aus persönlicher Verletzlichkeit, literarischer Kraft und vorsichtiger Zuversicht macht den Roman zu einer eindrucksvollen Auseinandersetzung mit Erinnerung, Identität und der Fähigkeit des Menschen, sich trotz allem eine eigene Zukunft zu schaffen.