mit dem Werk „Blutsauger“ von André Breinbauer.

// Vampirfans aufgepasst. André Breinbauer verbindet in Blutsauger klassischen Vampirhorror mit aktueller Gesellschaftskritik und verlegt die uralte Figur des Blutsaugers mitten in das heutige Wien. Herausgekommen ist eine Graphic Novel, die Krimi, Mystery und schwarzen Humor ebenso gekonnt miteinander verknüpft wie sie dringliche Themen wie Gentrifizierung, Wohnungsnot und Immobilienspekulation aufgreift. Statt den Vampirmythos lediglich zu modernisieren, nutzt der Autor ihn als Metapher für eine Art von Ausbeutung, die längst nicht mehr nur übernatürlicher Natur sind. Im Mittelpunkt steht Hannah, die sich mit einem merkwürdigen Nachbarn konfrontiert sieht. Mit seinem altmodischen Auftreten und seiner skurrilen Ausstrahlung scheint er direkt einem klassischen Horrorfilm entsprungen zu sein. Gleichzeitig häufen sich rätselhafte Ereignisse: Einige Mieter verschwinden, ein paar dubiose Gestalten interessieren sich auffällig für ein Wiener Zinshaus, und immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass hinter den Immobiliengeschäften weit mehr steckt als Spekulation.
Die Geschichte entwickelt sich dadurch gleichermaßen als spannender Kriminalfall und als atmosphärischer Horrorcomic, dessen Geheimnisse sich nur langsam entfalten. Besonders gelungen ist die doppelte Bedeutung des Titels. Die eigentlichen Vampire existieren zwar. Ebenso richtet die Geschichte den Blick aber auf jene „Blutsauger“, die Wohnungen zu Spekulationsobjekten machen und ganze Stadtviertel dadurch verändern. Der klassische Vampirmythos erhält eine überraschend zeitgemäße Lesart, ohne dass er an Unterhaltungswert verliert. Horror und Gesellschaftssatire greifen hier kongenial ineinander und verleihen der Graphic Novel eine zusätzliche inhaltliche Tiefe. Dabei schöpft das Werk bewusst aus der Geschichte der Vampirwelt. Die Anspielungen auf Bram Stokers Dracula und den expressionistischen Stummfilm Nosferatu sind keine blassen Zitate, sondern werden treffsicher in das moderne Setting eingebunden. Das alte Wien mit seinen engen Innenhöfen und verwinkelten Gassen wird zu einer idealen Bühne für diese Hommage an den klassischen Vampirfilm. Die Stadt entwickelt sich beinahe zu einer eigenen Figur und erzeugt eine Atmosphäre, in der Vergangenheit und Gegenwart, Mythos und Realität untrennbar miteinander verschmelzen. Auch zeichnerisch hinterlässt Blutsauger einen einzigartigen Eindruck. Die Farbzeichnungen fangen den morbiden Charme Wiens ebenso überzeugend ein wie die unheimlichen Momente der Geschichte. Viele Szenen haben eine nahezu filmische Qualität, die an die expressionistischen Horrorfilme der 1920er Jahre erinnert. Gleichzeitig lockern humorvolle Details die düstere Grundstimmung immer wieder auf, es wird also tatsächlich nie langweilig. Die Mischung aus Mystery, Horror, Kriminalgeschichte und sozialkritischem Kommentar sorgt dafür, dass sich das Werk eigentlich nirgendwo reinquetschen lässt. Blutsauger ist damit weit mehr als eine Horrormär. Sie zeigt, dass Blutsauger erschreckend real sind.
von Alexander Nickel-Hopfengart
UND WAS NUN?