// strichcode vol. (4)67 – „blutsauger“

mit dem Werk „Blutsauger“ von André Breinbauer. // André Breinbauer verbindet in Blutsauger klassischen Vampirhorror mit aktueller Gesellschaftskritik und verlegt die uralte Figur des Blutsaugers mitten in das heutige Wien. Herausgekommen ist eine Graphic Novel, die Krimi, Mystery und schwarzen Humor ebenso gekonnt miteinander verknüpft wie sie Themen wie Gentrifizierung, Wohnungsnot und Immobilienspekulation aufgreift. Statt […]

mit dem Werk „Blutsauger“ von André Breinbauer.

// André Breinbauer verbindet in Blutsauger klassischen Vampirhorror mit aktueller Gesellschaftskritik und verlegt die uralte Figur des Blutsaugers mitten in das heutige Wien. Herausgekommen ist eine Graphic Novel, die Krimi, Mystery und schwarzen Humor ebenso gekonnt miteinander verknüpft wie sie Themen wie Gentrifizierung, Wohnungsnot und Immobilienspekulation aufgreift. Statt den Vampirmythos lediglich zu modernisieren, nutzt der Autor ihn als treffende Metapher für Formen der Ausbeutung, die längst nicht mehr nur übernatürlicher Natur sind. Im Mittelpunkt steht Hannah, deren Aufmerksamkeit zunächst auf ihren merkwürdigen Nachbarn fällt. Mit seinem altmodischen Auftreten und seiner unheimlichen Ausstrahlung scheint er direkt einem klassischen Horrorfilm entsprungen zu sein. Gleichzeitig häufen sich rätselhafte Ereignisse: Mieter verschwinden, dubiose Gestalten interessieren sich auffällig für ein Wiener Zinshaus, und immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass hinter den Immobiliengeschäften weit mehr steckt als gewöhnliche Spekulation.

Die Geschichte entwickelt sich dadurch gleichermaßen als spannender Kriminalfall und als atmosphärischer Horrorcomic, dessen Geheimnisse sich nur langsam entfalten. Besonders reizvoll ist die doppelte Bedeutung des Titels. Die eigentlichen Vampire bilden nur eine Ebene der Handlung. Ebenso richtet die Geschichte den Blick auf jene „Blutsauger“, die Wohnungen zu Spekulationsobjekten machen und ganze Stadtviertel verändern. Der klassische Vampirmythos erhält dadurch eine überraschend zeitgemäße Lesart, ohne dass die Erzählung ihre Spannung oder ihren Unterhaltungswert verliert. Horror und Gesellschaftssatire greifen hier nahtlos ineinander und verleihen der Graphic Novel eine zusätzliche inhaltliche Tiefe. Dabei schöpft das Werk bewusst aus der Geschichte des Genres. Die Anspielungen auf Bram Stokers Dracula und den expressionistischen Stummfilm Nosferatu sind keine bloßen Zitate, sondern werden herrlich in das moderne Setting eingebunden. Das alte Wien mit seinen Gründerzeitfassaden, engen Innenhöfen und verwinkelten Gassen wird zu einer idealen Bühne für diese Hommage an den klassischen Vampirfilm. Die Stadt entwickelt sich dabei fast zu einer eigenen Figur und erzeugt eine Atmosphäre, in der Vergangenheit und Gegenwart, Mythos und Realität untrennbar miteinander verschmelzen. Auch zeichnerisch hinterlässt Blutsauger einen starken Eindruck. Die detailreichen Farbzeichnungen fangen den morbiden Charme Wiens ebenso überzeugend ein wie die unheimlichen Momente der Handlung. Licht und Schatten werden gezielt eingesetzt und verleihen vielen Szenen eine filmische Qualität, die an die expressionistischen Horrorfilme der 1920er Jahre erinnert. Gleichzeitig lockern humorvolle Details und feine visuelle Anspielungen die düstere Grundstimmung immer wieder auf, sodass Spannung und Unterhaltung stets in einem ausgewogenen Verhältnis bleiben. Mit seinem Umfang von fast 250 Seiten bietet die Graphic Novel genügend Raum, um Figuren, Handlung und gesellschaftliche Themen sorgfältig zu entwickeln. Die Mischung aus Mystery, Horror, Kriminalgeschichte und sozialkritischem Kommentar sorgt dafür, dass sich das Werk keiner einfachen Genrezuordnung unterwirft. Gerade diese Vielschichtigkeit macht seinen besonderen Reiz aus und hebt es von vielen klassischen Vampirerzählungen ab. Blutsauger ist damit weit mehr als eine moderne Horrorgeschichte. Die Graphic Novel verbindet klassische Motive der Schauerliteratur mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen und entwickelt daraus eine ebenso spannende wie intelligente Erzählung. Wer atmosphärische Mystery, feinen schwarzen Humor und ungewöhnliche Interpretationen des Vampirmythos schätzt, findet hier eine ebenso unterhaltsame wie nachdenklich stimmende Graphic Novel, die zeigt, dass manche Blutsauger erschreckend real sind.