mit den Werken „Dabei waren wir uns immer so nah“ von Jette Kötschau und „Memories Of Heidelberg“ von Heinz Strunk.

// Heinz Strunk und Jette Kötschau widmen sich in ihren neuesten Würfen Memories of Heidelberg und Dabei waren wir uns immer so nah alltäglichen Beziehungen, die einmal selbstverständlich schienen und nun unter dem Druck des Alltags zu zerbrechen drohen. Beide Romane erzählen vom langsamen Auseinanderdriften vertrauter Menschen weil ihnen irgendwie die Leichtigkeit abhanden kommt und stellen so unmissverstöndlich klar, dass Nähe keine dauerhafte Garantie ist. Strunk setzt dabei auf seinen idealtypischen, grotesken Humor, dazu finder er immer etwas Komisches an der ganz allgemeinen Grausamkeit des Alltags, während Kötschau mit großer Wärme die Veränderungen einer langjährigen Freundschaftsgeschichte erkundet. Heinz Strunk knüpft mit Memories of Heidelberg an jene Mischung aus Fremdscham und treffsicherer Beobachtungsgabe an, die seine besten Romane auszeichnet. Im Mittelpunkt stehen Bertram und Isolde, ein Ehepaar aus Oldenburg, das mit einem Kurzurlaub in Heidelberg versucht, frischen Wind in eine längst erstarrte Beziehung zu bringen. Schon die ersten Eindrücke des vermeintlichen Traumurlaubs sind enttäuschend:
Das teure Boutiquehotel ist sagen wir, nicht das goldene vom Ei und auch die romantische Neckarkulisse wirkt irgendwie schäbig. Besonders brillant ist, wie er den Alltag immer mal wieder ins Alptraumhafte kippen lässt. Das Flussrestaurant, zunächst noch Hoffnungsträger eines gelungenen Urlaubs, wird von Abend zu Abend mehr zum Symbol einer gescheiterten Existenz. Kleine Unannehmlichkeiten steigern sich zu wirklichen Zumutungen, und der Schlager „Memories of Heidelberg“, der in Dauerschleife erklingt, wirkt immer bedrohlicher, je weiter man liest. Strunk besitzt die seltene Fähigkeit, Situationen gleichzeitig urkomisch und tief verstörend wirken zu lassen. Man lacht über die Dialoge, die misslungenen Kneipenbesuche – und spürt zugleich die Verzweiflung zweier Menschen, die einander längst fremd geworden sind. Unter der grotesken Oberfläche steckt eine erstaunlich präzise Beobachtung des Älterwerdens und der Angst vor Bedeutungslosigkeit. Bertram und Isolde sind keine schlichten Karikaturen, sie sind so erschreckend, weil sie so real wirken mit ihren Ressentiments und unerfüllten Sehnsüchten. Strunk legt all das mit großer Genauigkeit frei. Gerade deshalb wirkt der Roman trotz aller Übertreibung so nahbar. Einen ganz anderen Ton schlägt Jette Kötschau an. Dabei waren wir uns immer so nah erzählt von drei Frauen Anfang dreißig, die feststellen müssen, dass selbst die engste Freundschaft nicht immun gegen die Veränderungen des Erwachsenenlebens ist.

Henri, Merle und Katharina waren einmal unzertrennlich, doch inzwischen führen sie völlig unterschiedliche Leben. Henri jagt ihrem Traum vom eigenen Kino hinterher und bewegt sich weiterhin in einer Welt aus Partys und verqueren Entscheidungen. Merle ist mit den Anforderungen des Mutterseins hoffnungslos konfrontiert und erlebt ihre Nächte vor allem im Dauerwachzustand. Katharina wiederum steckt in einer langjährigen Beziehung fest, die sich irgendwie nicht so sicher anfühlt, wie sie sollte. Kötschau beschreibt diese Lebensphasen mit großer Feinfühligkeit und ohne jedes Drama. Unterschiedliche Prioritäten, fehlende Zeit, Missverständnisse und das schleichende Gefühl, dass die gemeinsame Sprache verloren geht – all das wird hier knallhart durchexerziert. Gerade diese Unspektakularität macht den Roman aber gleichzeitig so berührend. Viele werden die mühsame Terminfindung, das schlechte Gewissen wegen abgesagter Treffen oder die Sehnsucht nach der früheren Selbstverständlichkeit sofort wiedererkennen. Besonders gelungen ist, dass Kötschau keine der drei Frauen wirklich in Grund und Boden schreibt, sondern sie menschlich nachvollziehbar zeichnet. Jede von ihnen versucht auf ihre Weise, mit den Anforderungen des Erwachsenwerdens zurechtzukommen, und jede zahlt dafür einen Preis. Der Roman interessiert sich nicht für Schuld und solche Sachen, sondern für die emotionale Arbeit, die notwendig ist, um Beziehungen über unterschiedliche Lebensphasen hinweg aufrechtzuerhalten. Dabei entsteht ein warmherziges, ehrliches Bild moderner Freundschaften, das sowohl die Verluste als auch die Verbundenheit sichtbar macht. Im direkten Vergleich ergänzen sich die beiden Bücher auf wirklich hervorragende Weise. Memories of Heidelberg zeigt eine Beziehung, die bereits tief in der Krise steckt und deren Zerfall sich in grotesken Szenerien entlädt. Dabei waren wir uns immer so nah erzählt dagegen von einem schleichenden Prozess der Entfremdung, der noch nicht unumkehrbar ist und gerade deshalb aber besonders schmerzhaft wirkt. Strunk blickt mit satirischer Schärfe auf die Ehe und die Absurditäten des gemeinsamen Älterwerdens, während Kötschau mit psychologischer Genauigkeit erkundet, wie Freundschaften sich verändern, ohne dass die gegenseitige Zuneigung verschwindet. Gemeinsam ergeben die beiden Romane ein bemerkenswertes Doppelporträt moderner Beziehungen. Sie zeigen, wie schwer es ist, Nähe über Jahre hinweg zu bewahren, wenn sich Menschen weiterentwickeln, Erwartungen sich verändern und der Alltag seine eigene Dynamik entfaltet. Heinz Strunk verwandelt diese Erkenntnis in eine höllisch komische Tragödie, Jette Kötschau in einen warmen Roman über Freundschaft und das Erwachsenwerden. Beide Bücher beweisen auf sehr unterschiedliche Weise, dass die größten Dramen oft nicht in außergewöhnlichen Ereignissen liegen, sondern in den kleinen Verschiebungen des Alltags, welche die Beziehungen langsam, aber nachhaltig verändern. Bemerkenswert ehrlich, diese Werke.
UND WAS NUN?