mit dem Werk „Was nicht gesagt werden kann“ von David Szalay.

// Was nicht gesagt werden kann ist einer dieser Romane, die einen nicht mit großen Gesten überfallen, sondern sich langsam, fast schmerzhaft leise unter die Haut schieben. David Szalay, längst bekannt für seine Fähigkeit, aus minimalen Beobachtungen ganze Lebenswelten aufzuspannen, legt hier seinen wohl kraftvollsten und zugleich unbarmherzigsten Text vor – und es überrascht nicht, dass er dafür den Booker Prize 2025 erhielt. Man spürt auf jeder Seite, wie sorgfältig dieser Roman gebaut ist, aber auch, dass er brennt: an den Rändern, an den Stellen, an denen Menschen versuchen, ihre Verwundbarkeit zu verbergen. Im Mittelpunkt steht István, fünfzehn Jahre alt, ein Junge aus einem ungarischen Plattenbauviertel, sozial unsicher, still, einer von denen, die man leicht übersieht. Gerade dieses Übersehen wird im Roman zu einer Art Grundrauschen: István wächst in einer Umgebung auf, in der niemand Zeit hat für innere Kämpfe, in der man nicht fragt, was jemand fühlt, sondern wie er funktioniert. Als sich zwischen ihm und einer älteren Nachbarin eine seltsam verschobene, sexuelle Beziehung entwickelt, wirkt das nicht wie ein Skandal, sondern wie eine Katastrophe, die in Zeitlupe geschieht.
Nichts daran ist romantisch, nichts davon wirkt gewollt – Szalay beschreibt eher ein Hineinstolpern in eine Erfahrung, die István überfordert und dessen Leben unwiderruflich aus dem Gleichgewicht bringt. Und dann passiert etwas, das alles endgültig kippen lässt: ein Unfall, ein Toter, ein Schuldgefühl, das István selbst nicht benennen kann. Was folgt, ist eine Art moderner europäischen Odyssee ohne heroischen Kern. István verlässt Ungarn und landet in London, doch er nimmt sein Schweigen mit, sein Nicht-Sprechen-Können, seinen Blick, der immer ein bisschen seitlich am Leben vorbeistreift. Er arbeitet, verliert, findet wieder, lässt sich treiben – und genau dieses Gleiten, dieses scheinbar passive Durchstreifen eines harten, kalten Europas macht Szalays Roman so eindringlich. István begegnet Menschen mit guten Absichten und Menschen mit schlechten, aber es ist immer die Welt, die ihn vor sich hertreibt, nicht umgekehrt. Er ist Protagonist und zugleich Statist seines eigenen Lebens. Szalay schreibt das alles in einer Prosa, die reduziert wirkt, aber nie leer ist. Jeder Satz sitzt, jede Beobachtung hat Gewicht. Es ist ein Text über Verlust und Überleben, über die Ohnmacht von Jungen, die nie gelernt haben, sich selbst zu fühlen, über ein Europa, das für manche nur aus Übergängen besteht. Und doch gibt es immer wieder Momente, in denen man István nah ist – in denen man spürt, dass hinter seinem Schweigen eine Zärtlichkeit steckt, die niemand je wahrgenommen hat. Was nicht gesagt werden kann ist kein lauter Roman. Er ist ein Schlag unterhalb des Brustbeins. Und vielleicht ist es genau diese stillwütende Intensität, die ihn so nachhaltig macht.
UND WAS NUN?