// presswerke vol. (2)84 – „the tower“

mit den neuen Vinyl Lps „The Tower“ und „The Hierophant“ von Rome. // Mit The Tower und The Hierophant legt Rome zwei eng miteinander verbundene Alben vor, die man weniger als einzelne Veröffentlichungen denn als zusammengehöriges Zwillingswerk hören sollte. Beide Platten kreisen um dieselbe innere Bewegung, nähern sich ihr jedoch aus entgegengesetzten Richtungen: Rückzug und […]

mit den neuen Vinyl Lps „The Tower“ und „The Hierophant“ von Rome.

// Mit The Tower und The Hierophant legt Rome zwei eng miteinander verbundene Alben vor, die man weniger als einzelne Veröffentlichungen denn als zusammengehöriges Zwillingswerk hören sollte. Beide Platten kreisen um dieselbe innere Bewegung, nähern sich ihr jedoch aus entgegengesetzten Richtungen: Rückzug und Sammlung hier, Öffnung und Übergang dort. Zusammen ergeben sie ein geschlossenes geistiges Panorama, das sich Zeit nimmt, Stille zulässt und dem Hörer etwas zutraut. Hinter Rome steht Jerome Reuter, ein Künstler, der sich seit Jahren konsequent dem schnellen Zugriff verweigert. Seine Musik war nie bloß Liedform, sondern immer auch Haltung, Geschichtsbetrachtung und existenzielle Befragung. Reuter arbeitet mit Reduktion, nicht aus Askese um der Askese willen, sondern um Raum zu schaffen – für Bedeutung, für Resonanz, für das Ungesagte. Diese Arbeitsweise erreicht auf The Tower eine besondere Konsequenz. Das Album wirkt wie auf einen einzigen Gedanken zugespitzt: den Gedanken der inneren Festigkeit. Die Stücke sind sparsam instrumentiert, oft nur von Gitarre, Stimme und wenigen, gezielt eingesetzten Akzenten getragen.

Nichts drängt sich in den Vordergrund, alles scheint einer inneren Ordnung zu folgen. Der „Turm“, der hier beschworen wird, ist kein Ort der Abkapselung, sondern ein geistiger Standpunkt. Einer, von dem aus sich die Welt betrachten lässt, ohne sich von ihr fortreißen zu lassen. Die Lieder wirken wie Beobachtungen aus der Höhe – ruhig, klar, manchmal schmerzhaft präzise. The Hierophant setzt an einem anderen Punkt an und führt den auf The Tower begonnenen Weg weiter.

Wenn der Turm der Ort der Sammlung ist, dann ist der Hierophant die Gestalt, die aus dieser Sammlung heraus spricht. Dieses Album öffnet sich stärker nach außen, ohne seine innere Geschlossenheit zu verlieren. Die Stücke entfalten etwas Rituelles, fast Initiatorisches. Atmosphärische Gitarren, zurückhaltende Streicher und eine traumartige Dramaturgie erzeugen den Eindruck eines geistigen Reisetagebuchs. Man bewegt sich durch Häfen, mythische Landschaften, immer auf der Suche nach Sinnfragmenten in einer Welt, die ihren metaphysischen Bezug verloren zu haben scheint. Reuter singt hier nicht erklärend, sondern andeutend. Seine Texte wirken wie Zeichen, die gelesen, nicht konsumiert werden wollen. Bemerkenswert ist, wie stark beide Alben trotz aller Reduktion emotional wirken. Gerade weil nichts ausgeschmückt ist, entfalten kleine Verschiebungen eine große Kraft. Jede Gitarrenlinie, jede Pause, jede wiederholte Zeile bekommt Gewicht. Diese Musik verlangt Aufmerksamkeit und belohnt sie mit Tiefe. Sie ist nicht dazu da, den Alltag zu begleiten, sondern ihn für eine Weile auszusetzen. Als Doppelveröffentlichung erzählen The Tower und The Hierophant von einer Bewegung, die in der heutigen Musiklandschaft selten geworden ist: vom bewussten Innehalten, vom Versuch, inneren Halt zu formulieren, ohne sich in Nostalgie oder bloßer Pose zu verlieren. Rome gelingt hier ein Werk, das nicht gefallen will, sondern wirken. Nicht laut, sondern nachhaltig. Wer sich darauf einlässt, findet keine Antworten im klassischen Sinn, aber vielleicht etwas Wertvolleres: einen Raum, in dem Fragen wieder Tiefe haben dürfen.