// aufgelesen vol. (6)52 – „grelles licht für darke leute“

mit den Werken „Ich gab dir Augen und die blicktest in die Finsternis“ von Irene Solà und „Grelles Licht für darke Leute“ von Mariana Enriquez. // Irene Solà und Mariana Enriquez stehen für eine zeitgenössische Literatur, die sich bewusst an den Rändern des Realismus bewegt und dort eine eigene, unverwechselbare Kraft entfaltet. Ihre aktuellen Bücher […]

mit den Werken „Ich gab dir Augen und die blicktest in die Finsternis“ von Irene Solà und „Grelles Licht für darke Leute“ von Mariana Enriquez.

// Irene Solà und Mariana Enriquez stehen für eine zeitgenössische Literatur, die sich bewusst an den Rändern des Realismus bewegt und dort eine eigene, unverwechselbare Kraft entfaltet. Ihre aktuellen Bücher lassen sich wunderbar zusammen lesen, weil sie auf sehr unterschiedliche Weise ähnliche Fragen verhandeln: nach Erinnerung, Gewalt, weiblicher Erfahrung und der Macht des Erzählens selbst. In Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis kehrt Irene Solà in eine archaisch anmutende Welt zurück, die tief in der Landschaft der Pyrenäen verwurzelt ist. Der Roman ist weniger eine lineare Erzählung als ein vielstimmiger Beschwörungsraum, in dem Zeit aufgehoben scheint. Frauen aus verschiedenen Generationen treten aus Leben und Tod zugleich hervor, erzählen von Geburt, Begehren, Gewalt und Widerstand. Solà verbindet katalanische Mythen, bäuerliche Lebensrealität und historische Brüche – etwa den Bürgerkrieg – zu einem poetischen Totentanz, der zugleich zart und brutal ist.

Das Haus, in dem kein Mann mehr wohnen darf, wird zum Symbol eines radikalen, utopischen Schutzraums, aber auch zu einem Ort der Erinnerung, in dem sich Schmerz und Stärke unauflöslich verbinden. Solàs Sprache ist sinnlich, rhythmisch und magisch, sie vertraut Bildern, Wiederholungen und Brüchen mehr als klassischer Handlung. Der Roman liest sich wie ein Ritual, das die Stimmen der Frauen sichtbar macht, die in der Geschichte oft zum Schweigen gebracht wurden.

Ganz anders, aber thematisch verwandt, ist Grelles Licht für darke Leute von Mariana Enriquez. Während Solà ihre Finsternis aus Mythen, Landschaft und kollektiver Vergangenheit speist, verankert Enriquez ihren literarischen Horror fest im urbanen Alltag Argentiniens. Ihre Erzählungen spielen in Wohnungen, Straßen und Vorstädten von Buenos Aires, doch unter der Oberfläche lauert stets das Unheimliche. Körper zerfallen, Tote kehren zurück, Verwandlungen geschehen scheinbar beiläufig – und doch geht es nie um bloßen Grusel. Enriquez nutzt die Mittel des Horrors, um soziale Gewalt sichtbar zu machen: gegen Frauen, gegen queere Menschen, gegen jene, die in einer brutalen Gesellschaft keinen Schutz erfahren. Das „grelles Licht“ ihres Titels ist dabei doppeldeutig: Es beleuchtet, was sonst verdrängt wird, und macht die Dunkelheit des Alltäglichen erst recht unerträglich. Ihre Sprache ist klarer, direkter als die von Solà, aber nicht weniger eindringlich; sie erzeugt eine Spannung, die lange nachwirkt. Im Kontext zueinander gelesen, zeigen beide Bücher, wie vielfältig literarische Dunkelheit sein kann. Solà arbeitet mit kollektiven Stimmen, Legenden und einer fast zeitlosen Erzählweise, die an mündliche Überlieferung erinnert. Enriquez hingegen setzt auf das Fragmentarische der Kurzgeschichte und auf urbane Schauplätze, die erschreckend vertraut wirken. Beide Autorinnen schreiben aus einer dezidiert weiblichen Perspektive, ohne sich darauf reduzieren zu lassen: Ihre Texte sind politisch, weil sie zeigen, wie Macht, Angst und Erinnerung in Körper und Räume eingeschrieben sind. Zugleich behaupten sie die Vorstellungskraft als Gegenkraft – sei es in Form eines magischen Festes der Schwesternschaft oder in der radikalen Weigerung, den Horror des Alltags zu verdrängen. Zusammen gelesen ergeben diese beiden Bücher ein eindrucksvolles Panorama moderner, internationaler Literatur, die sich nicht scheut, in die Finsternis zu blicken – und gerade dort neue Formen von Wahrheit, Widerstand und Schönheit findet.