// strichcode vol. (4)54 – „es war einmal ein verbrechen“

mit den Werken „Es war einmal ein Verbrechen“ (Band 1 bis 3) und Jiangshi X. // Die Manga-Reihen Es war einmal ein Verbrechen (uns liegen die Bände 1–3 vor) und Jiangshi X wirken auf den ersten Blick völlig unterschiedlich – hier eine detektivisch begabte Rotkäppchen-Figur im Märchenreich, dort junge Kämpfer im Gefecht mit rachsüchtigen Untoten. […]

mit den Werken „Es war einmal ein Verbrechen“ (Band 1 bis 3) und Jiangshi X.

// Die Manga-Reihen Es war einmal ein Verbrechen (uns liegen die Bände 1–3 vor) und Jiangshi X wirken auf den ersten Blick völlig unterschiedlich – hier eine detektivisch begabte Rotkäppchen-Figur im Märchenreich, dort junge Kämpfer im Gefecht mit rachsüchtigen Untoten. Doch nebeneinandergestellt zeigen sie, wie spannend es sein kann, vertraute Mythen und Erzähltraditionen neu zu denken und in moderne Genreformen zu überführen. In Es war einmal ein Verbrechen wird das Märchen zur Bühne für klassische Kriminalfälle. Rotkäppchen ist keine naive Heldin, sondern eine scharfsinnige Ermittlerin, die zwischen Figuren wie Aschenputtel, Hänsel und Gretel oder Dornröschen Verbrechen aufklärt. Schon im ersten Band stößt sie auf eine Leiche – und damit ist klar, dass diese Welt zwar märchenhaft aussieht, aber nach ganz anderen Regeln funktioniert. Der Reiz der Reihe liegt genau in diesem Kontrast: Man kennt die Motive und Figuren aus der Kindheit, doch hier werden sie kriminalistisch seziert. Hinter Lebkuchenhäusern und Schlössern verbergen sich Intrigen, falsche Fährten und überraschende Wendungen.

Mit Band 2 und 3 wird das Ganze komplexer. Die Fälle greifen stärker ineinander, die Welt wirkt geschlossener, und auch Rotkäppchen selbst bekommt mehr Tiefe. Ihre Reise ist nicht nur eine Aneinanderreihung von Ermittlungen, sondern zunehmend auch eine persönliche Spurensuche. Besonders gelungen ist, wie die Reihe Märchenlogik hinterfragt: Warum geschieht etwas? Wer profitiert? Welche Perspektive fehlt? Das alles ist spannend erzählt, mit klarer Schwarz-Weiß-Ästhetik und dynamischer Inszenierung, die das Krimitempo unterstützt. Trotz aller Verspieltheit bleibt die Serie überraschend konsequent in ihrer Rätselstruktur – der Verstand ist hier die wichtigste Waffe.

Jiangshi X schlägt dagegen einen deutlich düstereren Ton an. Statt Märchenfiguren stehen drei Daoshi-Lehrlinge im Mittelpunkt, die nach jahrelanger Ausbildung vor ihrer Abschlussprüfung stehen. In einer Welt, in der Jiangshi – untote, von Rache getriebene Wesen – ihr Unwesen treiben, ist ihre Ausbildung keine Theorie, sondern bitterer Ernst. Als einer von ihnen im Kampf verletzt wird, müssen die anderen entscheiden, ob sie ihn retten und damit ihre eigene Zukunft riskieren. Schon dieser Auftakt macht klar, dass es hier nicht nur um spektakuläre Action geht, sondern um Loyalität, Verantwortung und moralische Entscheidungen.

Im Vergleich zu Es war einmal ein Verbrechen ist Jiangshi X körperlicher und emotional unmittelbarer. Die Kämpfe sind intensiv inszeniert, die Bedrohung wirkt real und permanent. Während Rotkäppchen mit Analyse und Beobachtungsgabe agiert, müssen Xiaohu, Chaoyun und Jiuli Mut beweisen und sich buchstäblich dem Übernatürlichen stellen. Doch auch hier geht es letztlich um Selbstbehauptung: um die Frage, wer man sein will, wenn man unter Druck gerät. Im Kontext gelesen zeigen beide Reihen, wie wandelbar alte Stoffe sind. Es war einmal ein Verbrechen transformiert europäische Märchentraditionen in eine clevere Mystery-Krimireihe, die mit Erwartungen spielt und bekannte Figuren neu interpretiert. Jiangshi X greift ostasiatische Mythologie auf und verbindet sie mit klassischen Action- und Coming-of-Age-Elementen.

Beide Serien setzen auf junge Protagonisten, die sich in gefährlichen Welten orientieren müssen – nur sind die Werkzeuge unterschiedlich: hier der scharfe Verstand, dort die Bereitschaft zum Kampf. Gerade dieser Kontrast macht sie spannend. Wer Freude an raffinierten Rätseln, ironischen Brechungen und Märchen-Twists hat, wird bei Rotkäppchens Ermittlungen fündig. Wer düstere Atmosphäre, dramatische Entscheidungen und übernatürliche Bedrohungen sucht, findet in Jiangshi X einen packenden Einstieg. Zusammen zeigen sie, dass alte Geschichten immer wieder neu zum Leben erweckt werden können, wenn man den Mut hat, sie anders zu erzählen.