// aufgelesen vol. (6)62 – „grüne welle“

mit den Werken „Können sie mich sehen?“ von Martin Suter und „Grüne Welle“ von Esther Schüttpelz. // Mit Können Sie mich sehen? von Martin Suter und Grüne Welle von Esther Schüttpelz erscheinen zwei Bücher, die unterschiedlicher kaum wirken könnten – hier der satirische Blick in die Chefetagen der Gegenwart, dort ein leiser, fast klaustrophobischer Roadtrip […]

mit den Werken „Können sie mich sehen?“ von Martin Suter und „Grüne Welle“ von Esther Schüttpelz.

// Mit Können Sie mich sehen? von Martin Suter und Grüne Welle von Esther Schüttpelz erscheinen zwei Bücher, die unterschiedlicher kaum wirken könnten – hier der satirische Blick in die Chefetagen der Gegenwart, dort ein leiser, fast klaustrophobischer Roadtrip ins Ungewisse. Und doch verbindet sie ein zentrales Motiv: der Moment, in dem Kontrolle brüchig wird und sich eine scheinbar stabile Ordnung auflöst. Martin Suter kehrt mit Können Sie mich sehen? in das Terrain zurück, das er wie kaum ein anderer beherrscht: die Welt der Wirtschaft, der Macht und der gepflegten Fassade. Die „Business Class“, die er seit Jahren mit feinem Gespür beobachtet, gerät hier ins digitale Schlingern. Homeoffice, Videokonferenzen, Diversität – Begriffe, die nach Fortschritt klingen, entpuppen sich als Störfaktoren in einem System, das auf Hierarchie, Kontrolle und symbolische Präsenz gebaut ist. Wenn Führungskräfte plötzlich nur noch als Kacheln auf dem Bildschirm erscheinen und ein falsch gesetztes Wort im Chat gravierender sein kann als ein diskreter Fehltritt im Konferenzraum, verschieben sich die Spielregeln. Suter erzählt das mit der ihm eigenen Eleganz und Ironie.

Seine Figuren sind keine Karikaturen, auch wenn sie manchmal so wirken. Sie sind Getriebene eines Systems, das sie selbst miterschaffen haben. Besonders reizvoll ist der Gedanke, dass ausgerechnet das Homeoffice – ursprünglich als Komfortzone für Angestellte gedacht – die oberen Etagen destabilisiert. Sichtbarkeit wird zur Währung, Unsichtbarkeit zur Bedrohung. Der Titel bekommt dadurch eine doppelte Bedeutung: Es geht nicht nur um technische Verbindungsprobleme, sondern um Macht, Präsenz und die Angst, an Einfluss zu verlieren. Wie immer bei Suter liegt unter dem Humor eine feine Melancholie: Wer sich zu sehr über Status definiert, steht schnell ohne Fundament da.

Ganz anders, viel stiller und existenzieller, entfaltet sich Grüne Welle. Hier beginnt alles mit einer harmlosen Situation: Eine Frau fährt nach einem Kinobesuch nach Hause. Eine Umleitung zwingt sie auf eine andere Strecke – und aus dieser kleinen Verschiebung entsteht eine Bewegung, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Sie verpasst Ausfahrten, fährt weiter, entfernt sich immer mehr von dem Ort, an dem ihr Mann auf sie wartet. Was zunächst wie ein Versehen wirkt, bekommt allmählich etwas Unausweichliches. Der Roman lebt von dieser schleichenden Erkenntnis: Vielleicht ist das Verirren kein Zufall, sondern ein innerer Impuls. Vielleicht ist das Weiterfahren ein Akt der Selbstrettung. Während die Nacht, Tankstellen und Landstraßen eine fast filmische Kulisse bilden, verdichtet sich die eigentliche Bedrohung im Hintergrund – in der Beziehung, in dem Zuhause, das eigentlich Schutz bieten sollte. Schüttpelz erzählt diese Flucht nicht als spektakuläre Befreiung, sondern als tastendes, unsicheres Entfernen. Jede verpasste Ausfahrt wirkt wie ein kleines Nein zu einem Leben, das sich als gefährlich entpuppt. Im Kontext gelesen ergänzen sich beide Bücher auf überraschende Weise. Bei Suter gerät die Machtelite ins Wanken, weil sich äußere Rahmenbedingungen ändern. Bei Schüttpelz verschiebt sich eine intime Beziehung, bis die Protagonistin erkennt, dass die größte Gefahr nicht auf dunklen Straßen lauert, sondern im vermeintlich Vertrauten. In beiden Fällen geht es um Sichtbarkeit und Kontrolle: Wer bestimmt die Regeln? Wer wird gesehen – und wer übersehen? Und was passiert, wenn man sich der gewohnten Ordnung entzieht? Stilistisch stehen sich die Werke kontrastreich gegenüber. Suter arbeitet mit pointierter Beobachtung, satirischer Zuspitzung und dialogischer Leichtigkeit. Schüttpelz setzt auf Atmosphäre, innere Spannung und das langsame Freilegen einer existenziellen Entscheidung. Doch beide erzählen von Momenten der Verschiebung – von Situationen, in denen Menschen erkennen, dass das Leben, das sie führen, nicht alternativlos ist. So unterschiedlich die Schauplätze auch sind – Vorstandsetage und Landstraße –, beide Bücher kreisen um denselben Kern: den Augenblick, in dem man innehält und sich fragt, ob man weitermachen will wie bisher. Und ob es vielleicht einen anderen Weg gibt, auch wenn er zunächst ins Ungewisse führt.