// aufgelesen vol. (6)71 – „ultramarin“

mit den Werk „Ultramarin“ von Ann-Christin Kumm. // Ultramarin von Ann-Christin Kumm hat etwas Unruhiges, fast Flirrendes, das sich erst nach und nach entfaltet. Am Anfang wirkt alles noch wie dieser typische Sommerzustand: zu viel Licht, zu wenig Struktur, Tage, die ineinanderlaufen. Lou und Raf scheinen sich in dieser Schwerelosigkeit eingerichtet zu haben – eine […]

mit den Werk „Ultramarin“ von Ann-Christin Kumm.

// Ultramarin von Ann-Christin Kumm hat etwas Unruhiges, fast Flirrendes, das sich erst nach und nach entfaltet. Am Anfang wirkt alles noch wie dieser typische Sommerzustand: zu viel Licht, zu wenig Struktur, Tage, die ineinanderlaufen. Lou und Raf scheinen sich in dieser Schwerelosigkeit eingerichtet zu haben – eine enge, fast eingeschlossene Zweierwelt, die von Gewohnheit, Abhängigkeit und unausgesprochenen Erwartungen lebt. Und dann kommt Nora dazu, und plötzlich kippt dieses Gleichgewicht. Was Kumm hier besonders gut gelingt, ist dieses langsame Verschieben von Stimmungen. Nichts passiert auf einen Schlag, sondern eher wie ein kaum merklicher Druck, der sich aufbaut. Die Dynamik zwischen den drei Figuren verändert sich ständig: Blicke, kleine Gesten, Schweigen – alles bekommt Gewicht. Man merkt schnell, dass es nicht einfach um eine Dreiecksgeschichte geht, sondern um etwas Grundsätzlicheres: Wer hat Macht über wen? Wer bestimmt Nähe, wer zieht sich zurück? Und wie sehr hängt das eigene Selbstbild davon ab, wie man von anderen gesehen wird?

Lou ist dabei eine unglaublich spannende Figur, weil er so stark aus der Perspektive der anderen lebt. Seine Wahrnehmung ist eng an Raf gebunden, fast abhängig, und genau deshalb wird Noras Auftauchen so bedrohlich. Nicht, weil sie aktiv etwas zerstört, sondern weil sie sichtbar macht, wie fragil diese Beziehung eigentlich ist. Raf selbst bleibt lange schwer greifbar – charismatisch, anziehend, aber auch distanziert, fast kontrollierend. Und Nora bringt eine Energie hinein, die alles verschiebt, ohne sich wirklich festlegen zu lassen. Dieses Setting an der dänischen Küste passt perfekt dazu. Die Weite, das Meer, das Licht – das könnte alles Freiheit bedeuten, aber hier wirkt es eher wie ein Verstärker für Unsicherheit. Je offener der Raum, desto enger scheinen die Figuren in ihren eigenen Mustern gefangen zu sein. Das Ferienhaus wird so zu einem Ort, an dem sich diese Spannungen bündeln, fast wie unter einem Brennglas. Was den Roman besonders macht, ist diese Mischung aus Begehren und Unbehagen. Die Anziehung zwischen den Figuren ist spürbar, aber nie eindeutig oder beruhigend. Stattdessen bleibt immer dieses Gefühl, dass Nähe auch etwas Gefährliches hat, dass sie kippen kann – in Kontrolle, in Abhängigkeit, in Verletzung. Kumm schreibt das sehr körperlich, aber ohne je platt zu werden; es geht weniger um das Offensichtliche als um das, was darunter liegt. Am Ende bleibt vor allem dieses diffuse Gefühl von Ambivalenz. Nichts lässt sich klar auflösen oder eindeutig benennen, und genau das passt zu den Themen des Buches: Identität, Queerness, Macht – alles ist in Bewegung, nichts stabil. Ultramarin ist kein Roman, der Antworten gibt, sondern einer, der Situationen schafft, in denen man sich selbst beim Beobachten ertappt – und merkt, wie schnell sich Sympathien verschieben können.