mit dem Werken „Kylian und das Buch des Lebens“ von Anne Akrich und „Palastplatte“ von Mara Floren.

// Wenn man Kylian und das Buch meines Lebens von Anne Akrich und Palastplatte von Mara Floren nebeneinanderlegt, merkt man schnell: Beide erzählen vom Versuch, sich im eigenen Leben irgendwie zurechtzufinden – aber sie tun das aus völlig unterschiedlichen Perspektiven und mit ganz eigener Tonlage. Bei Kylian und das Buch meines Lebens hat man sofort dieses leicht chaotische, fast schon tragikomische Grundgefühl. Anne, die Ghostwriterin, die für andere schreibt, aber selbst nicht gelesen wird, ist so eine Figur, bei der man gleichzeitig lachen und ein bisschen zusammenzucken muss. Ihr Leben wirkt wie ein permanentes „gleich kippt alles“-Szenario: finanziell, emotional, familiär. Und dann kommt ausgerechnet dieser Auftrag, eine Biografie über einen der erfolgreichsten Fußballer der Welt zu schreiben – also über jemanden, der scheinbar alles hat, was ihr fehlt. Was das Buch spannend macht, ist weniger der Blick auf den Fußballstar selbst, sondern wie er sich in Annes Kopf verwandelt.
Dieses Motiv, dass Kylian plötzlich als eine Art imaginärer Coach in ihren Träumen auftaucht, hat etwas wunderbar Absurdes, aber auch erstaunlich Ehrliches. Es geht letztlich um Selbstbild, Scheitern und diesen Druck, „funktionieren“ zu müssen. Und der Humor ist dabei kein nettes Extra, sondern Überlebensstrategie. Man liest das und hat das Gefühl: Hier schreibt jemand sehr genau darüber, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Leben nicht so läuft, wie man es geplant hat – und man trotzdem weitermachen muss.

Ganz anders wirkt Palastplatte, obwohl es thematisch gar nicht so weit weg ist. Hier ist alles ruhiger, dichter, viel stärker aus der Erinnerung heraus erzählt. Dieser Sommer zwischen Plattenbau und Freibad, diese langsame, vorsichtige Annäherung zwischen Henri und Mo – das hat etwas unglaublich Zartes. Gleichzeitig liegt über allem so eine unterschwellige Unruhe, weil man merkt, dass in Henris Familie etwas nicht stimmt. Besonders stark fand ich dieses Nebeneinander von erster Liebe und familiärer Verunsicherung. Während draußen diese fast zeitlose Sommerwelt existiert – Liegewiese, Bücher, Gespräche –, beginnt im Inneren etwas zu bröckeln. Der Vater, der sich verändert, diese diffuse Bedrohung, die man als Kind vielleicht noch nicht ganz versteht, aber deutlich spürt. Und dann dieses Schreiben als Ausweg: Henri erfindet Geistergeschichten, um das Unsagbare irgendwie greifbar zu machen. Das ist ein sehr stiller, aber intensiver Zugang zu Themen wie Angst, Verlust und Erwachsenwerden. Im Vergleich fühlt sich Kylian und das Buch meines Lebens eher laut, gegenwärtig und leicht überdreht an, während Palastplatte leise, rückblickend und fast poetisch wirkt. Das eine arbeitet mit Ironie und Überzeichnung, das andere mit Atmosphäre und Andeutung. Und trotzdem treffen sie sich in einem Punkt: Beide erzählen davon, wie Menschen versuchen, Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Anne tut das, indem sie sich an einem großen, fast schon absurden Projekt festhält und sich selbst neu erfinden muss. Henri dagegen sucht Halt in Beziehungen, in Geschichten, im Erinnern. Wenn man beide Bücher hintereinander liest, entsteht fast so etwas wie ein Spannungsbogen zwischen zwei Lebensphasen: hier das tastende, empfindliche Heranwachsen, dort das erwachsene Straucheln. Und in beiden Fällen bleibt am Ende dieses Gefühl hängen, dass Identität nichts Festes ist – sondern etwas, das man sich immer wieder neu zusammensetzen muss, oft unter ziemlich schwierigen Bedingungen.
UND WAS NUN?