// werktag vol. (1)96 – „frühling“

mit den Werken „Frühling“ und „Herbst“ von Jocelyn Couyuillard. // Mit den beiden außergewöhnlich gestalteten Leporello-Ausgaben Frühling und Herbst widmet sich Jocelyn Bouquillard zwei Jahreszeiten, die das japanische Kunstverständnis seit Jahrhunderten in besonderer Weise prägen. Beide Werke sind weit mehr als klassische Kunstbildbände: Sie verbinden herausragende Buchgestaltung mit kunsthistorischer Vermittlung und schaffen ein beinahe museales […]

mit den Werken „Frühling“ und „Herbst“ von Jocelyn Couyuillard.

// Mit den beiden außergewöhnlich gestalteten Leporello-Ausgaben Frühling und Herbst widmet sich Jocelyn Bouquillard zwei Jahreszeiten, die das japanische Kunstverständnis seit Jahrhunderten in besonderer Weise prägen. Beide Werke sind weit mehr als klassische Kunstbildbände: Sie verbinden herausragende Buchgestaltung mit kunsthistorischer Vermittlung und schaffen ein beinahe museales Erlebnis, das den Betrachter dazu einlädt, die Meisterwerke des japanischen Farbholzschnitts in aller Ruhe und im wahrsten Sinne des Wortes „auszubreiten“. Die außergewöhnliche Leporello-Form erlaubt einen völlig anderen Zugang als ein herkömmliches Buch und macht die Kunstwerke zu einem zusammenhängenden visuellen Erlebnis. Im Mittelpunkt stehen die großen Meister des Ukiyo-e wie Hokusai, Hiroshige, Kuniyoshi und Utamaro, deren Werke bis heute zu den bedeutendsten Zeugnissen japanischer Kunstgeschichte zählen.

Ihre Druckgrafiken faszinieren nicht allein durch technische Perfektion, sondern vor allem durch ihre einzigartige Fähigkeit, Natur, Landschaft und menschliche Emotion miteinander zu verbinden. Gerade die Jahreszeiten nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. In Japan markieren sie nicht nur den Wechsel des Wetters, sondern spiegeln den Rhythmus des Lebens, spirituelle Vorstellungen und ein tiefes Bewusstsein für die Vergänglichkeit allen Seins wider. Während Herbst die leuchtenden Farben der Ahornwälder, stille Seen, nebelverhangene Berge und die melancholische Schönheit des Vergehens feiert, richtet Frühling den Blick auf Aufbruch, Hoffnung und Erneuerung. Kirschblüten in zahllosen Rosatönen, blühende Pflaumenbäume, üppige Glyzinien, Wildrosen und zartes junges Grün verwandeln die Landschaften in poetische Sinnbilder eines Neubeginns. Gerade die berühmte Kirschblüte besitzt in Japan seit Jahrhunderten eine außergewöhnliche kulturelle Bedeutung.

Sie steht nicht nur für Schönheit, sondern zugleich für deren Flüchtigkeit – ein Gedanke, der die japanische Ästhetik bis heute entscheidend prägt. Die ausgewählten Drucke zeigen eindrucksvoll, mit welcher Virtuosität die Künstler Lichtstimmungen, Farben und feinste Naturbeobachtungen in Holzschnitttechnik festhielten. Im direkten Zusammenspiel erzählen beide Bände weit mehr als die Geschichte zweier Jahreszeiten. Sie entfalten ein Panorama des ewigen Kreislaufs der Natur, in dem Blüte und Vergehen, Anfang und Ende untrennbar miteinander verbunden sind. Dadurch entsteht ein faszinierender Dialog zwischen den beiden Ausgaben: Der Frühling verkörpert Hoffnung, Jugend, Wachstum und die Kraft des Neubeginns, während der Herbst von Reife, Erinnerung, Dankbarkeit und dem würdevollen Abschied erzählt. Erst gemeinsam offenbaren beide Bände die ganze Tiefe der japanischen Naturphilosophie und zeigen, weshalb die Darstellung der Jahreszeiten seit Jahrhunderten zu den wichtigsten Motiven der ostasiatischen Kunst gehört. Ebenso beeindruckend wie die Auswahl der Kunstwerke ist die außergewöhnliche Ausstattung dieser Editionen. Die aufwendig gefertigten Leporellos entfalten sich über mehr als zehn Meter Länge und ermöglichen einen nahezu panoramischen Blick auf die ausgewählten Meisterwerke. Anders als beim herkömmlichen Umblättern entsteht hier ein fließender Bildraum, in dem einzelne Werke miteinander in Beziehung treten und ihre Wirkung gegenseitig verstärken. Dadurch erinnern die Bücher eher an eine kleine private Ausstellung als an einen klassischen Bildband. Ergänzt werden die Leporellos durch informative, hochwertig gestaltete Booklets, welche die Künstler, Motive und kulturhistorischen Zusammenhänge verständlich erläutern. Die Begleittexte vermitteln nicht nur kunsthistorisches Wissen, sondern eröffnen zugleich einen Zugang zur Symbolik der Pflanzen, Landschaften und Jahreszeiten innerhalb der japanischen Kultur. Dadurch eignen sich die Editionen gleichermaßen zum genussvollen Betrachten wie auch zum vertiefenden Studium. Auch bibliophil lassen beide Ausgaben kaum Wünsche offen. Frühling präsentiert sich mit einem edlen seidenbezogenen Einband, Herbst mit einer hochwertigen Leinenbindung; beide Ausgaben sind mit eleganten Silberprägungen versehen und werden in stabilen Schmuckschubern geliefert. Die hervorragende Druckqualität bringt die feinen Farbnuancen der historischen Holzschnitte eindrucksvoll zur Geltung und unterstreicht den Anspruch des Prestel Verlags, diese Werke nicht lediglich zu reproduzieren, sondern sie als eigenständige Kunstobjekte zu präsentieren. Gerade im Zusammenspiel entfalten die beiden Editionen ihre größte Wirkung. Sie greifen eines der zentralen ästhetischen Konzepte Japans auf – mono no aware, das Bewusstsein für die Schönheit des Vergänglichen. Die Blütenpracht des Frühlings gewinnt ihre besondere Faszination gerade deshalb, weil sie nur von kurzer Dauer ist; ebenso liegt die stille Schönheit des Herbstes im Wissen um den nahenden Winter. Diese Sensibilität für den flüchtigen Augenblick durchzieht sämtliche ausgewählten Werke und macht beide Leporellos zu weit mehr als bloßen Kunstsammlungen: Sie vermitteln eine ganze Weltsicht. Damit richten sich Frühling und Herbst nicht ausschließlich an Liebhaber japanischer Holzschnittkunst, sondern ebenso an Sammler außergewöhnlicher Buchkunst, an Freunde hochwertiger Editionen und an alle, die sich für japanische Kultur interessieren. Gemeinsam bilden beide Ausgaben ein harmonisches Gesamtwerk, das sowohl optisch als auch inhaltlich begeistert. Sie laden dazu ein, die Schönheit der Natur, die Meisterschaft der großen Ukiyo-e-Künstler und die zeitlose Poesie der japanischen Ästhetik immer wieder neu zu entdecken – zwei prachtvolle Kunsteditionen, die gleichermaßen zum Betrachten, Staunen und Bewahren geschaffen wurden.