// presswerke vol. (3)09 – „rising tide“

mit der neuen Vinyl-LP von Mick Flannery. // Mit „The House Must Win“ erweitert Mick Flannery sein ohnehin außergewöhnliches künstlerisches Schaffen um ein Werk, das Album, Theatermusik und Konzeptstück zugleich ist. Der irische Singer-Songwriter zählt seit vielen Jahren zu den interessantesten Stimmen der zeitgenössischen Folk- und Americana-Szene. Seine raue, unverwechselbare Stimme, seine poetischen Texte und […]

mit der neuen Vinyl-LP von Mick Flannery.

// Mit „The House Must Win“ erweitert Mick Flannery sein ohnehin außergewöhnliches künstlerisches Schaffen um ein Werk, das Album, Theatermusik und Konzeptstück zugleich ist. Der irische Singer-Songwriter zählt seit vielen Jahren zu den interessantesten Stimmen der zeitgenössischen Folk- und Americana-Szene. Seine raue, unverwechselbare Stimme, seine poetischen Texte und sein Gespür für atmosphärisches Storytelling haben ihm weit über Irland hinaus eine treue Fangemeinde eingebracht. Mit diesem ambitionierten Doppelalbum geht Flannery nun einen weiteren Schritt und verbindet seine musikalischen Qualitäten mit einer erzählerischen Vision, die weit über klassische Songstrukturen hinausreicht. „The House Must Win“ knüpft an die Welt seines Debütalbums „Evening Train“ an und entwickelt deren Figuren und Themen weiter. Gleichzeitig funktioniert das Werk vollkommen eigenständig und entfaltet seine Wirkung auch ohne Vorkenntnisse. Dass Flannery neben der Musik auch das zugrunde liegende Bühnenstück geschrieben hat, ist jederzeit spürbar.

Die zwanzig Stücke erzählen nicht einfach einzelne Geschichten, sondern formen gemeinsam einen zusammenhängenden dramatischen Bogen voller Hoffnung, Verlust, Schuld und Erlösung. Bereits die eröffnende „Overture“ macht deutlich, dass hier kein gewöhnliches Folk-Album erklingt. Gemeinsam mit Liam Robinson, der unter anderem durch seine Arbeit am preisgekrönten Musical „Hadestown“ bekannt wurde, entstehen opulente orchestrale Arrangements, die Flannerys klassische Singer-Songwriter-Wurzeln um eine cineastische Dimension erweitern. Streicher, Klavier und fein dosierte Bläser verleihen den Liedern eine beinahe filmische Atmosphäre, ohne dabei die intime Wirkung seiner Stimme zu überdecken. Musikalisch bewegt sich das Album souverän zwischen Folk, Americana, irischer Tradition und modernem Songwriting. Titel wie „Rising Tide“, „When I’ve Got a Dollar“ oder „Take It on the Chin“ erinnern an Flannerys große Stärke: Geschichten zu erzählen, die gleichzeitig sehr persönlich und universell wirken. Immer wieder wechseln ruhig erzählte Passagen mit dramatischen Höhepunkten, wodurch ein außergewöhnlich abwechslungsreicher Hörfluss entsteht. Besonders eindrucksvoll entwickelt sich die zweite Schallplatte. Der Titeltrack „The House Must Win“ bildet das emotionale Zentrum des Albums und verdichtet viele der zuvor angedeuteten Konflikte. Songs wie „The Rebel“, „One Chance“ oder „All In“ treiben die Handlung weiter voran und verbinden emotionale Intensität mit eindringlichen Melodien. Den Abschluss bildet schließlich „Evening Train“, das nicht nur als musikalischer Kreis zum Debütalbum fungiert, sondern dem gesamten Werk einen berührenden, fast versöhnlichen Schlusspunkt verleiht. Gerade diese dramaturgische Geschlossenheit unterscheidet „The House Must Win“ von vielen anderen Konzeptalben. Jeder Titel erfüllt eine erzählerische Funktion, dennoch funktionieren sämtliche Stücke auch für sich allein. Flannery beweist erneut seine außergewöhnliche Fähigkeit, komplexe Emotionen in eingängige, niemals kitschige Songs zu verwandeln. Die vorliegende Doppel-LP unterstreicht den hochwertigen Anspruch der Veröffentlichung eindrucksvoll. Das stabile Gatefold-Cover bietet der umfangreichen musikalischen Reise einen angemessenen Rahmen und überzeugt mit einer wertigen Verarbeitung. Auch klanglich hinterlässt die Pressung einen ausgezeichneten Eindruck. Die beiden Schallplatten laufen sauber und ruhig, wobei insbesondere die große Dynamik der orchestralen Arrangements hervorragend eingefangen wird. Flannerys markante Stimme besitzt viel Präsenz, während Instrumente und Streicher transparent und räumlich voneinander getrennt wiedergegeben werden. Gerade die analoge Wiedergabe verleiht den oft warm produzierten Folk- und Americana-Passagen zusätzliche Tiefe und Natürlichkeit. „The House Must Win“ gehört ohne Zweifel zu den ambitioniertesten Veröffentlichungen in Mick Flannerys beeindruckender Diskografie. Es ist gleichermaßen Konzeptalbum, musikalische Erzählung und emotionale Charakterstudie, die sich Zeit nimmt, ihre Figuren und ihre Atmosphäre zu entwickeln. Die hochwertige Doppel-LP im Gatefold-Cover wird diesem Anspruch in jeder Hinsicht gerecht und macht das Album sowohl klanglich als auch optisch zu einer Veröffentlichung, die Sammler und Liebhaber anspruchsvollen Songwritings gleichermaßen begeistern dürfte.