mit dem Werken „Yon“ von Camille Broutin, „Nogegon“ von Luc und François Schuiten und „Shin Ju“ von Furuya Usamaru.

// Heute wollen wir unseren Blick auf drei ganz besondere Werke richten, die in diesen Tagen über den feinen Verlag „schreiber&leser“ in den Handel kommen. Dabei lernen wir erstmal das Leben in einer Erziehungsanstalt irgendwo im Nirgendwo kennen. Dort ist alles ziemlich trostlos. Die Kids vor Ort sehen wurden von den Erwachsenen weitesgehend sich selbst überlassen. Margo versucht sich inmitten all dieser Perspektivlosigkeit irgendwie durchzuschlagen. Die ganze Einrichtung ist umgeben von einer wüstenhaften Landschaft, die kein Entkommen möglich macht. Während Margo gerade durch das alte Schulgebäude streift, geht dann auch noch der gefürchtete Alarm los und das heißt in etwa so viel: entweder, sie findet innerhalb von 3 Minuten einen passenden Unterschlupf oder sie braucht sich in Zukunft keine weiteren Gedanken über ihre eigene Zukunft zu machen. Das Werk „Yon“ von Camille Broutin wirft dabei, ähnlich wie andere dystopische Reihen, die Frage auf, ob es wirklich das Drumherum ist, das hier die wahre Gefahr darstellt…
… oder ist es vielmehr die Dynamik unter den handelnden Personen, welche die Situation schreittweise eskalieren lässt. Aus Teenagersicht betrachtet entsteht hier eine äußerst komplexe Situation, die sich mit Fortlaufen der Handlung immer weiter zuspitzt. Die Personen in dem Buch, selbst noch im Wandel begriffen, lassen keinen Stein mehr auf dem anderen und so kann man „Yon“ auch als spannendes Gedankenexperiment lesen, wie dünn der Faden eigentlich ist zwischen einem gesellschaftlichen System und dem Rutsch in Richtung Chaos. Die in Maryland geborene Autorin schafft es dabei auch ihren großen Vorbildern wie Moebius und Hergé zu huldigen, findet aber eine eigene Sprache, die diesen Manga hier zu einem der faszinierendsten dieses Sommers macht.

Wer danach weiter in faszinierende Welten abdriften möchte, der findet in „NogegoN“ einen passenden Wegbegleiter, um sich ein bisschen aus der realen Welt schubsen zu lassen. Dem rennomierten Künstler-Duo Luc und François Schuiten schickt uns darin auf einen gleichnamigen Planeten, auf dem sich alles zu spiegeln scheint. Man findet sich mit einer Welt konfrontiert, in der sich alles zu wiederholen scheint. Außerdem wird alles Assymetrische mit einer gewissen Skepsis beäugt. An unserer Seite wandelt hier eine gewissen Nelle, die nach einer verschwundenen Freundin sucht. Diese Freundin heißt Olivia. Befindet man sich auf „NogegoN“ werden sie Nellen und Olivilo genannt. Das Buch selbst kann man im Grunde in seiner Mitte öffnen. Dann entfaltet sich die Geschichte in gewisser Weise spiegelverkehrt, was immer wieder neue Facetten der Handlung preisgibt. Diese ganze Art zu erzählen, wirkt anfangs komplett ungewohnt, aber sie zieht einen schon nach wenigen Momenten in ihren Bann. Ursprünglich bereits vor vielen Jahren veröffentlicht als dritter Band der „Hohle Welten“-Reihe, wird hier jeglichen Konzept von Zeit und Raum durcheinander geworfen und ein Sci-Fi-Universum kreiert, das handlungstechnisch einem Spiegel tatsächlich ähnelt. Die wirkliche Frage, die man sich dabei stellt: was macht das mit uns, wenn alles in gewisser Weise determiniert ist. Schließlich muss sich die Handlung auf beiden Seiten des Werkes spiegeln. Und wie gehen unsere Figuren damit um. Den beiden Autoren, ihres Zeichens selbst Illustrator und Architekt, gelingt es uns damit selbst immer wieder den Spiegel vorzuhalten und unsere Realität zu hinterfragen. Ich kann mich jedenfalls kaum erinnern, wann mich ein Comic zuletzt so ins Grübeln gebracht hat. Wenn du also auf vielschichtige Figuren und eine Architektur zum Dahinknien stehst, dann lass dich begeistern. Du wirst diesen Comic ganz sicher nicht so schnell wieder vergessen.

Zum Abschluss wenden wir uns heute außerdem noch dem Werk „Shinju“ zu, das sich um zwei Jugendliche namens Noel und Eishin dreht. Beide sind irgendwie verlorenen in ihrer Welt. Noel fühlt sich zunehmend isoliert in der Schule und zuhause findet er ebenfalls keinen Halt. Alles ist geprägt von Gewalt und dabei steht ihm Eishin in nichts nach. Als die beiden sich kennenlernen, liegt schon bald kein Stein mehr auf dem Anderen. Allerdings ist auch für das frische Liebespaar nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Schnell entwickeln sich ähnlich destruktive Handlungsmuster, wie sie bereits in ihrer Vergangenheit vorherrschten und so fassen die beiden einen tragischen Entschluss. Sie wollen zusammen ihrem Leben ein Ende setzen. Darauf bezieht sich auch der Titel des Werkes, der eben jenen selbst gewählten Tod von zwei sich Liebenden bezeichnet in Japan und man sollte gewarnt sein: dieses Werk ist alles andere, als eine klassische Coming Of Age-Geschichte, sie tut richtig weg. Usumaru Furuya gelingt es eine Szenerie zu schaffen, die einem immer wieder einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Bereits seit den 1990er Jahren hat er selbst in dem Avantgarde-Manga-Magazin „Garo“ mitgearbeitet und sich seither intensiv mit extremen Liebesbeziehungen und dem Tod selbst auseinander gesetzt. Wenn du also auf Mangas mit Tiefgang stehst, die dir auch optisch den Atem rauben, dann findest du hier ein ganz besonderes Werk abseits der üblichen Stangenware, das dir in jeglicher Hinsicht den Atem raubt. Wenn du also wissen willst, wie sich das anfühlt, verloren, in gewisser Weise aber auch determiniert zu sein, dann schnapp dir diese drei Bände. Sie sind alle auf ihre Art absolut faszinierend. Und damit Schluss für heute. Bis zu unserem nächsten Strichcode.
UND WAS NUN?